Rapunzel, Rapunzel …

Erwartungsfreudige, schlagfertig mithandelnde Kinder, Grossgewachsene, die den Kleinen vielfach die Sicht wegnahmen, was wiederum ein Umplatzieren zur Folge hatte, viel Musik und Tanz auf der Bühne, Regieeinfälle der zuweilen doch sehr eigenwilligen, vom Märcheninhalt zu stark abweichenden Art und lautstarke Anteilnahe des bunt durchmischten Publikums gehörten zum Sonntagstheater der Märlitheaters Zürich, dessen Ensemble auf Einladung der Kulturgesellschaft Glarus in der Aula der Kanti Glarus weilte.




Der Inhalt des Märchens ist wohl vielen bekannt, einige Eltern und Grosseltern werden den erwartungsfreudigen kleinen Theaterbesuchern das Geschehen vorgängig nochmals erzählt haben. Dass Rapunzel dem Nüsslisalat gleichzusetzen ist, dass Tränen des in den Prinzen verliebten Mädchens das Augenlicht zurückzubringen vermögen, dass jahrelanges Weggesperrtsein in ein nur via Fensterchen zu erreichendem Turmzimmer, rechthaberisches Getue und Dominanz einer Zauberin namens Frau Gothel und der lange Zopf als einzige Verbindung zur Aussenwelt sowie die fast unstillbare Lust einer schwangeren Ehefrau nach Rapunzeln Kernpunkte des Geschehens sind, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Es ist eine recht gradlinige, inhaltlich logische Handlung, mit märchenhaft schönen, aber auch brutalen, unverständlichen Momenten, ohne Königshof, Diener, pillensüchtige Zauberin und eine Eule, die Frau Gothels Garten und den Turm bewacht. Der Regisseur hat gewaltig in seiner Trickkiste rumgewühlt, um Elemente einzubauen, die für Erwachsene verwirrlich, überbetont, unverständlich sind, aber bei den Kindern bestens ankommen. Sie sind es, die Klamauk, übertriebenes Getue, leicht dümmliche Mimik, träfe Sprüche und Buntheit lieben.

Setzen Sie sich aber auch damit auseinander, dass es Frau Gothel hinkriegt, mit der übertriebenen Einnahmen von Pillen aller Art die Jugendlichkeit und Schönheit zurückzuholen; dass Rapunzel trotz Weggesperrtsein so munter und keck einherkommt, Frau Gothel sogar dankbar ist für die täglichen Besuche, die Eule Otto unbedingt eine Brille braucht; dass der quengelnde und klagende König Reginald de Zwänzg ab Acht so leidend ist und auf der Bühne eine lange Präsenzzeit geniesst; dass der Diener Sebastian auch unerkannt als riesig erfolgreicher Medikus mit fremdländischem Akzent auftritt und mit übertriebenem Getue den König flugs heilt; dass in einem sehr karg eingerichteten Turmzimmer ein Versteckspiel der erlebten Art schlicht unmöglich ist oder dass stark fliessende Wiedersehenstränen eine Augenbinde zu durchdringen vermögen, um den Blinden wieder sehend zu machen?

Ins eigentlich einfach strukturierte Geschehen werden die Kinder geschickt einbezogen. Klatschen, Mitsingen und kurzes Kommentieren sind erwünscht. Und es zeugt von Klugheit, wenn auf die Frage nach der Herkunft von Rapunzels lieblichem Gesang die Lautsprecherbox als Quelle genannt wird. «Ae Prinz muess immer muetig voragaa, er dörf kei Angscht haa» – dem lebt Prinz Maximilian vo Güldestärn nach. Er wünscht, dass ihn sein treuer Diener nur Max nennt, da ist es vorbei mit der Distanz zwischen Dienerschaft und Adeligen. Bald taucht die Eule auf, sie verkörpert so ein Zwischending als Wächterin über Frau Gothels Reich samt Turm, in dem Rapunzel eingesperrt ist und der Nähe zum Prinzen. Sie ist zuweilen eine recht treuherzige Plaudertasche. Frau Gothel tritt – nachdem sie an Rapunzels langem Zopf hochgezogen worden ist – jeweils sehr rechthaberisch, barsch auf, wendet sich an ihr Rapunzeli, droht, lobt, verwöhnt, weist zurecht. Das wiederum macht Rapunzel in keiner Weise Angst. Sie klagt lediglich über Langeweile, verabschiedet sich stets lautstark und betont fröhlich von ihrer Peinigerin. Das Happyend bahnt sich mit dem Erscheinen des Prinzen in Rapunzels Zimmer an. Sie verlieben sich ohne grosse Umwege. Frau Gothel merkt, dass ein Fremder zu Besuch war. Der Zopf wird weggeschnitten, Rapunzel in die Wüste verbannt. Der Prinz hätte eigentlich in irgendein böses Getier verwandelt werden sollen, er stürzt sich aber runter, überlebt, erblindet, weil er in das Dornengestrüpp am Fusse des Turms gefallen ist. Er findet seine Geliebte wieder. Als Nichtsehender bewegt er sich mithilfe der Eule frohgemut vorwärts. Es kommt alles zu einem guten Ende, alle tanzen und singen nochmals gemeinsam auf der Bühne. Ganz viel Applaus, ein kräftiges Winken, der Vorhang fällt – und man wendet sich wieder der Wirklichkeit, dem Alltag samt Heimweg durch die einsetzende Dämmerung zu.