Respekt vor dem Mysterium

Wie gehen wir Lebenden mit dem Tod um? Der Film «Being there – da sein» porträtiert vier Leute aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die Sterbende begleiten. Rund 80 Interessierte lassen sich in der Buchhandlung Wortreich berühren.




Sterbende in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten, setzt die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit voraus. Für Alcio Braz, Psychotherapeut und Zen-Lehrer aus Brasilien, führt dies zu einer Bereicherung unseres Lebens, weil wir beginnen, es in diesem Augenblick zu schätzen: «Es ist gut, dass wir ein Ende haben. Das macht jeden Moment wertvoll.»

Er ist einer der vier Protagonisten, die Regisseur Thomas Lüchinger im eindrücklichen Film «Being there – da sein» porträtiert. Es ist nicht ein Film über das Sterben, sondern über die «Heldinnen und Helden des Alltags», die Sterbende begleiten. «Dass viele dieser Menschen – es sind meist Frauen – diese Arbeit als Freiwillige tun, wird von der Gesellschaft kaum wahrgenommen», sagt Lüchinger. Er wolle ihnen mit dem Film eine Plattform geben und ein Denkmal setzen. Aus zeitlichen Gründen kann er nicht in Glarus anwesend sein, schickt aber eine Videobotschaft, die vor dem Film in der prallvollen Buchhandlung Wortreich ausgestrahlt wird.

Einfach da sein


Begleitet von starken, auch symbolhaften Bildern und eindringlicher Musik, geben die vier Porträtierten aus den verschiedenen Kulturkreisen viel von ihrem Leben preis. Zu spüren ist trotz aller Unterschiedlichkeit der grosse Respekt vor dem Unbekannten, vor dem Mysterium, welches der Tod für uns ist und bleibt.

Alcio Braz sagt, dass Menschen, die Sterbende begleiten, Gäste seien in diesem Raum des Nichtwissens und dass das Wichtigste die Achtung und der Respekt der Autonomie der Sterbenden sei – wie oder was auch immer bei diesen und mit diesen geschehe. «Füreinander den Raum halten, einfach da sein. Nur da sein.»

In Nepal gehört das Sterben ganz natürlich zum Leben. Hospizschwester Sonam Dölma betont: «Medikamente alleine helfen nicht. Es braucht Liebe, Sorge, Berührung.» In einem Tempel werden rund um die Uhr öffentliche Verbrennungen in Verbindung mit Ritualen durchgeführt. Hier spürt man eine tiefe Religiosität.

Die Schweizer Sterbebegleiterin Elisabeth Würmli würde sich als Sterbende jemanden wünschen, «der möglichst nicht beurteilt, bei sich ist und einfach präsent ist. Der da ist, nicht handelt. Jemanden, der ein gutes Herz hat.» Durch die Begleitungen träten ihre eigenen Sorgen in den Hintergrund. Mit dabei zu sein, sei für sie ein Geschenk: «Ich komme oft erfüllt zurück.»

Der Amerikaner Ron Hoffman wiederum vergleicht die Begleitung mit einer Kunstform: einer Kunst, da zu sein auf aussergewöhnliche Art für Menschen in aussergewöhnlichen Umständen. Er habe dadurch gelernt, sein eigenes Leben zu schätzen. Denn der Tod sei immer ganz nah – «einen Atemzug entfernt».

Mehr Begleitende gesucht

Der Verein Krankenbegleitung Glarus und Glarus Nord zeigt diesen Film, um weitere Begleiterinnen und Begleiter anzusprechen. «Vielleicht können Sie sich vorstellen, diesen Dienst zu machen?», fragt Präsidentin Rita Schwitter die rund 80 Anwesenden.

2016 hätten 21 Begleitende in Glarus und Glarus Nord während rund 800 Stunden kranke und sterbende Menschen zur Entlastung der Angehörigen begleitet, erzählen die Vermittlerinnen Marlies Steiner und Alice Nydegger an der vorangehenden Hauptversammlung in der Alterssiedlung im Volksgarten. In Heimen, zunehmend aber auch zu Hause.

«Dies sind sehr wertvolle Einsätze von Menschen für Menschen», meint Rosmarie Figi, kantonale Kirchenrätin der Reformierten Landeskirche, in ihren Dankesworten, in denen sie weitere Unterstützung zusichert. Palliative Care werde im Kanton immer mehr zum Thema, erklärt Rita Schwitter. Die Schaffung eines «Forums Glarnerland», welches die Akteure in diesem Bereich im Kanton vereine, nehme langsam Gestalt an.