«Romeo und Julia» – Über Liebe, Hass, Intrigen, Leidenschaft und Sterben

Ungewohnt war einiges bei der Eröffnung der diesjährigen Saison der Kulturgesellschaft Glarus. Die initiative Unternehmung tritt unter neuem Namen mit gewohnt vielseitigem Angebot auf – was ebenso begrüssenswert wie stark beachtet ist. Man begrüsst mit Beginn des Saisonprogramms 15/16 die Gäste mit einer Freilichtaufführung im «Hof» der Kanti Glarus – einer Baustelle mit Anzeichen eines Dauerauftrages.



«Romeo und Julia» – Über Liebe, Hass, Intrigen, Leidenschaft und Sterben

Mit der Wetterwahl hat man ebenso Glück wie mit der Wahl des ungemein virtuos aufspielenden Ensembles des Theaters des Kantons Zürich. Mit den zeitlosen, leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um Liebe und Tod vermag man Besucher offensichtlich anzulocken. So war denn die Freiluftarena in Glarus bis auf den sprichwörtlich allerletzten Platz gefüllt – ein gutes Omen für Kommendes; ein spürbar deutliches Zeichen für eine Vermischung von Anerkennung, Neugierde und Anteilnahme.

In die Rasanz des Spiels, die ungemein starken Wechsel von Liebe, Zärtlichkeit, Schroffem, Gewalt, Blut und grenzenloser Leidenschaft, Turtelei, Intrigieren, Verdammnis, Ablehnung, Hingabe, Vermutungen, Deutungen, Falschheit, Raffinesse, Leichtsinn und Zärtlichkeit war man bald einbezogen. Mit Verblüffung und Spannung folgte man dem Geschehen, das sich auf der Bühne bis knapp vor dem Publikum abspielte. Die Intensität des schauspielerischen Reichtums war ungemein packend, hatte eine entwaffnenden Direktheit in sich. Eigentlich ist der Ablauf der Handlung hinlänglich bekannt:

Zwei Liebende begegnen sich in Verona, zwei Familien sind sich spinnefeind. Mord und Gewalt, die Verbannung Romeos mit dem schicksalshaften, tragischen Tod endend, Julias Selbsttötung, die Trauer am Grab, das letzte ergreifende Verabschieden, die immenes Verzweiflung – eine Vielzahl an Gefühlen prägt die Szenerie.

Eine Vielzahl von Glückhaftem führte zur erfüllenden, überzeugenden Gesamtheit. Das waren die Darstellenden, denen der Part auf den Leib geschneidert schien, da war die brillante Lifemusik (Sandro Corbat), der Gesang, das raffinierte Bühnenbild, das eine Vielzahl von Effekten gestattete, an körperlichem Einsatz aber einiges abverlangte, es war die behutsam eingesetzte Lichtregie und die sprachliche Brillanz. Schauspielerinnen und Schauspieler agierten mit mitreissender sprachlicher Eleganz und Gestik, die alle in ihren Bann zog, bewegte. Es ist fast vermessen und unpassend, einzelne Namen aus dem homogenen Ensemble hervorzuheben. Trotzdem seien Nicolas Batthyany in der Rolle des Romeo; Judith Cuénod, Julia und Bruder Lorenzo (Christoph Rath) erwähnt. Das Bühnenbild (Beni Küng) war derart raffiniert, aus einfachen Elementen bestehend, dass blitzschnelle spielerische Wechsel jederzeit möglich waren. Die beweglichen auf Schienen montierten, verschiebbaren Türen, der mit einer Store versehene Balkon, die auf dem Bühnenboden eingelassenen Luken und das Röhrengerüst auf der Rückseite gestatteten rasante Abgänge und Auftritte. Das Theaterensemble war rundweg grandios, überzeugend, zog einen in seinen Bann. Der Regisseur (Manuel Bürgin) hat zu einer Ganzheit geführt, die sich aus vielen faszinierenden Begegnungen zusammensetzt.

Schon das Programmheft ist aussergewöhnlich. Das Fotomaterial widerspiegelt Teile des Geschehens mit klugem Hervorheben. Die Handlung ist der Umgangssprache der Jugend angepasst. Der Text «Shakespeare – voll geil!» entstammt einem Projekt der Universität Magdeburg zum Thema «Jugendsprache – Sprachverfall oder Sprachwandel» aus dem Jahre 2008. Der «geneigte Leser» wird sich gegebenenfalls Gedanken machen, wie erfrischend, passend und direkt Sprache eben auch sein kann, obwohl fern des ordentlicherweise verwendeten Vokabulars ausformuliert ist und einem Sprachler bei vielen Textpassagen die Haare zu Berge stehen dürften.

Die Kulturgesellschaft Glarus hat mit der Einladung zum ersten Anlass Mut und Geschick gezeigt. Das Theater Kanton Zürich hat die weltweit bekannte Shakespeare-Handlung erfrischend offensiv, spektakulär, mit lässigen, unerwarteten und gerade deshalb wohltuenden Akzenten umgesetzt.