«Salinger taucht ab» – Lesung und Gespräch mit Rest Strehle

Die Verantwortlichen der Kulturbuchhandlung wortreich im Abläsch Glarus warten in willkommen regelmässigem Turnus mit einer Vielfalt an Begegnungen auf. Dazu gehören Filme, Kleintheater, Weindegustationen, das Kennenlernen verschiedenster Autoren, das Verweilen beim Philosophieren und Lesungen, kompetentes Beraten und anregende Gespräche zu den gewohnten Ladenöffnungszeiten.




Unlängst war Res Strehle mit seinem Erstlingsroman «Salinger taucht ab» zu Gast, mit seiner Lesung und im Gespräch mit dem Juristen und Autor des «Melchior Werdenberg», Hans Baumgartner, der sich mit Res Strehle freundschaftlich verbunden weiss. Beide kennen das Glarnerland, Strehle mit Jahrgang 1951 und Bürgerort Schwändi.

Res Strehle war Mitbegründer der WOZ, langjähriger Chefredaktor des «Tages Anzeigers» und des «Magazins». Für den Tagi ist er als freier Journalist tätig. Seit 2016 ist er Präsident der Schweizerischen Journalistenschule MAZ in Luzern. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, unter anderem «Mein Leben als 68er» (mit Eugen Sorg).

Die vielfältigen, zuweilen rasch wechselnden, sich vermischenden, dann wieder ergänzenden Inhalte in «Salinger taucht ab» fordern die Leserschaft. Rasch hat man sich auf Neues einzustellen, sich an bereits Gelesenes zu erinnern, um logische Verbindungen zu schaffen in dieser zuweilen fragilen, dann wieder handfesten Vermischung von Geschehnissen. Das Hin und Her in der Ich-Form, dem Recherchieren an verschiedensten Schauplätzen – sei es beispielsweise in der Psychiatrischen Klinik; im Kosovo; der Wohnumgebung des in die Psychiatrie Eingelieferten; im Militärdienst; den Nachforschungen bei Zeitzeugen, die in ein zentrales Erlebnis (Explosion eines Munitionsmagazins) verwickelt sind; illegaler Übertritt von Flüchtlingen anlässlich des Wachtdienstes im WK – schaffen berechtigte Spannung. Strehle spinnt das Netz der vielen, wechselvoll – spannenden Begebenheiten in kluger Art aus. Vieles handelt von Verletzlichkeiten, Misstrauen, nachhaltigem Recherchieren, Annäherung an die Inhalte des ominösen Manuskripts, das der Journalist vom psychiatrisch Betreuten erhält, politischen Geschehnissen während den Auseinandersetzungen im Kosovo, der Arbeit von Hilfswerken und alltäglich Zwischenmenschlichem mit Streit, Spannungen, Verständnis.

Die Lesenden befinden sich auf einem einer faszinierenden Gratwanderung mit recht fordernden Passagen, deren Bewältigen zuweilen ein Innehalten erfordert.

Res Strehle las flüssig, beinahe emotionslos von Tatsachen, wie sie in seinem Roman vorkommen. Der Soldat schiebt Nachtwache im freien Feld, nahe der Landesgrenze. Es ist einer der letzten WK-Tage. Die Langeweile löst sich urplötzlich, dringt doch ein Zug von Flüchtlingen lautlos, aber für den Diensttuenden problemlos sichtbar, über die Grenze vor. Strehle wird zum Meister des Wiedergebens unzähliger Details bezüglich Dienstvorschrift, persönlichen Vermutungen und Rekapitulationen des Soldaten Salinger und dessen Erahnen. Minutiös wird da aufgezählt, keineswegs langweilig oder langfädig.

Hans Baumgartner wies mit seinem Fragen auf die zuweilen rätselhaften Geschehnisse dieses Romans und die Arbeit des Journalisten hin, der – buchbezogen – in der «Ich-Form» agiert. Baumgartner hat Strehle als eher introvertiert erlebt, der leidenschaftlich und zielorientiert zu recherchieren und auszuformulieren weiss. Dazu Strehle: «Ich kann nur beschreiben, was ich kenne.» Ein Nebenschauplatz dieses Gesprächs war dann eher das Verhältnis zwischen Strehle und Roger Köppel. Aktualität hatten Angela Merkels Statements zur Migration, die Gründe des Flüchtens, die feststellbare Glaubenswürdigkeitskrise, die Arbeit der Medien, deren Erwartungen und Verankerung in der Öffentlichkeit, die Bezahlbarkeit der Arbeit des Journalisten, die Haltung verschiedener Medien gegenüber Putin, Trump, Erdogan und anderen. Eine Frage aus dem Publikum – ob man denn als Journalist verloren sei, wenn man einen Roman geschrieben habe – war für Strehle schwierig zu beantworten.

Das Gespräch drehte sich auch um Fakten, wie sie im Roman vorkommen (Arbeit des Zivildienstlers in der Psychiatrie, Gehorsamspflicht in der Armee, Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wahrheit, Salinger als mögliche Kunstfigur) und die beachtlich 15 Jahre umfassende Arbeit an diesem Roman mit dem ungeheuren Spannungsfeld zwischen Wahrnehmungen und Wahrheiten.

Das Begegnen war ebenso wechselvoll wie die Geschehnisse des Romans. Das Ordnen der erlebten, gehörten und mit der Lektüre noch zu ergründenden Vielfalt wird spannungsvoll, alles andere als gradlinig verlaufen.