Saubere Luft lässt Wiesen aufblühen

Magerwiesen zeigen sich nun von ihrer schönsten Seite: Die nährstoffarmen Lebensräume blühen in allen Farben. Damit das so bleibt, werden sie nicht gedüngt. Gefahr droht allerdings aus der Luft. Auch darum überwacht die Abteilung Umweltschutz und Energie die Luftqualität im Glarnerland.



Passivsammler nehmen Schadstoffe aus der Luft direkt um sie herum auf. Bei diesem Ferm-Passivsammler bleibt Ammoniak aus der Luft auf der Oberfläche einer eingebauten Membran haften.
Passivsammler nehmen Schadstoffe aus der Luft direkt um sie herum auf. Bei diesem Ferm-Passivsammler bleibt Ammoniak aus der Luft auf der Oberfläche einer eingebauten Membran haften.

Das leise Klacken war vielleicht nur eingebildet. Wenn Sara Bachmann drei neuen Passivsammler in die Ammoniak-Messtation auf dem Dach der Berufsschule Ziegelbrücke schiebt, geschieht das routiniert und fast geräuschlos. Alle zwei Wochen ist die Mitarbeiterin der kantonalen Abteilung Umweltschutz und Energie im Glarnerland unterwegs, um Proben zu sammeln. «Im Kanton Glarus führen wir Immissionsmessungen durch», präzisiert Bachmann. Mit dieser Methode wird untersucht, wie hoch die Konzentration der Schadstoffe in der Luft ist. Unabhängig davon, woher sie stammen. Die gesammelten Proben beschriftet Bachmann, verpackt sie und verschickt sie zur Analyse an verschiedene Labors. Die meisten Daten würden über OSTLUFT ausgewertet, erzählt die Fachspezialistin für technischen Umweltschutz, während sie den Austausch der Sammler auf dem Berufsschul-Dach protokolliert. Zu diesem Verbund hat sich der Kanton Glarus 2001 mit anderen Ostschweizer-Kantonen zur Überwachung der Luftqualität zusammengetan. Ähnlich organisiert sind Kantone in anderen Landesteilen. Gemessen werden Luftschadstoffe nämlich in der ganzen Schweiz. Das schreibt die 1986 in Kraft getretene Luftreinhalteverordnung vor. Aus Kostengründen ist im Glarnerland aber nicht jedes Jahr das ganze Messnetz in Betrieb. So steht neben einem Passiv- und Bulksammler im Buchholz in Glarus auch eine Messstation, die neben anderen Schadstoffen Ozon und Feinstaub misst. Sie kommt nur jedes zweite Jahr zum Einsatz. Dann misst sie dafür 365 Tage am Stück. «Alle 14 Tage müssen die Messgeräte kontrolliert und die Feinstaubfilter ausgewechselt werden», schildert Bachmann ihre Aufgaben. Auch von den sechs Stickoxid-Passivsammlern im Kanton sind nur drei Sammler des OSTLUFT-Kernnetzes ständig im Einsatz. Ammoniak-Immissionen werden hingegen laufend an fünf Messstellen im Kanton erfasst. Sie sind neben Ozon ein Sorgenkind, was die Luftqualität auch in Glarnerland angeht.

Stickstoff-Eintrag gefährdet Artenvielfalt

Luftschadstoffe in zu hoher Konzentration gefährden die Gesundheit von Mensch und Tier und schädigen die Umwelt. Ein Beispiel sind Stickstoff-Verbindungen, die sensible Lebensräume wie Moore, Wälder oder Magerwiesen überdüngen. Magerwiesen gedeihen zum Beispiel nur auf nährstoffarmen Böden und zeigen sich jetzt in voller Blütenpracht. Sie sind sehr artenreich, da wegen der Nährstoffknappheit keine Pflanzenart überwiegen und schwächere verdrängen kann. Ihr Blütenreichtum und ihr lückiger Wuchs bietet einer Vielzahl an Insekten und anderen Tieren Nahrung und Lebensraum. Um diese wertvollen Habitate zu erhalten, dürfen sie unter anderem nicht gedüngt werden. Mit den Schadstoffen Stickoxid und Ammoniak gelangen aber grosse Mengen Stickstoff aus der Luft ungewollt und unkontrolliert in die sensiblen Wiesen. Der Effekt ist mittelfristig der gleiche, wie wenn Gülle ausgebracht würde: die übermässige Nährstoffzufuhr zerstört die Artenvielfalt. Fachpersonen haben für verschiedene Lebensräume berechnet, ab welchem Stickstoff-Eintrag sie geschädigt werden. Sie sprechen von «Critical loads», den kritischen Belastungen. Die Proben, die Sara Bachmann sammelt, zeigen, wie hoch die Gefahr ist, dass diese Werte überschritten werden.

Weniger Ammoniak für mehr Natur

Erfreulich ist, dass sich die Luftqualität in der Schweiz in den letzten 35 Jahren laut Bundesamt für Umwelt insgesamt deutlich verbessert hat. Auch im Kanton Glarus werden die Grenzwerte von 30 Milligramm pro Kubikmeter für Stickstoffdioxid selbst an verkehrsreichen Strassen nicht mehr überschritten. Dies, weil es unter anderem gelang, den Stickoxid-Ausstoss von Heizungen, im Verkehr und in der Industrie in den vergangenen Jahren mit Massnahmen Schritt für Schritt zu senken. Sorgen bereitet aber das Ammoniak, das hauptsächlich aus der Landwirtschaft stammt. Die Konzentration dieses stickstoffhaltigen Gases, das vor allem aus dem Kot der Nutztiere entweicht, hält sich seit Jahren auf zu hohem Niveau. Auch im Glarnerland werden die kritischen Belastungen vor allem im Tal zum Teil deutlich überschritten. Wie die Probenahmen von Sara Bachmann findet auch die Luftverschmutzung durch diesen Schadstoff still und leise statt. Trotzdem lässt der Stickstoffeintrag das Zirpen von Heuschrecken, das Summen und Brummen von Bienen und Hummeln sowie den Gesang von Bodenbrütern wie dem Baumpieper verstummen, zerstört Magerwiesen und beraubt uns derer Farbenpracht. Technische Massnahmen wie die 2024 eingeführte Schleppschlauch-Pflicht für das Ausbringen der Gülle, das Abdecken von Güllelagern oder baulichen Anpassungen bei Tierställen können Ammoniak-Emissionen senken. Auch ein ans lokale Futterangebot angepasster Nutztierbestand ist wichtig, damit durch importierte Futtermittel nicht zusätzliche Nährstoffe den natürlichen Stickstoffkreislauf belasten.

OSTLUFT informiert über Luftqualität

Beim Torfstichsee in Bilten tauscht Sara Bachmann auf ihrem Kontrollgang einen Bulksammler aus. Das darin gesammelte Regenwasser wird analysiert, um festzustellen, wie hoch der Stickstoff-Eintrag aus der Luft in den Boden und in das Gewässer sind. «Um über die Notwendigkeit von Luftreinhaltemassnahmen entscheiden und deren Erfolge kontrollieren zu können, sind die Kantone auf verlässliche Daten angewiesen», sagt die Luftschadstoff-Expertin. Langjährige Messreihen ermöglichen es zudem, die Entwicklung der Luftbelastung zu beurteilen. Im Glarnerland reichen die Daten bis ins Jahr 1988 zurück. Die Resultate der Luftqualitätsmessungen im Kanton Glarus können unter www.ostluft.ch eingesehen werden. Über die Auswirkung des Stickstoff-Eintrags in den Lebensraum Magerwiese informiert zurzeit eine Themenwand im Naturzentrum Glarnerland im Bahnhofsgebäude von Glarus. Weitere Infos unter www.naturzentrumglarnerland.ch.