SCHÖN&GUT Unter freiem Himmel

In Grosshöchstetten wird alle 50 Jahre das Freilichtspiel «Die Blutbuche» aufgeführt, und zwar nur einmal. Am Schluss des Stücks muss nämlich zwingend der sogenannte Freiheitsbaum gefällt werden. Gemeindepräsident Kellenberger war als Fünfjähriger dabei, und nun darf er die Hauptrolle im Stück spielen, so wie vor ihm sein Vater – die Rolle gehört traditionsgemäss dem Dorfvorsteher (und wem, wenn dieser eine Frau ist? Dann eben ihrem Mann!)



(Bild: zvg)
(Bild: zvg)

Zwischen den Vorstellungen wird ein neuer Baum gepflanzt, gehätschelt, gepflegt und notfalls bewacht. Bald ist es soweit. Die Verpflegung für das Festzelt ist auch noch nicht organisiert. Agneta, Umweltschützerin aus Lettland, hat unter dem Baum ihr Nachtlager aufgeschlagen.
Nun trifft zackig, diszipliniert und zuverlässig Frau Katharina Gut am Ort des Geschehens ein, die Regisseurin des Stücks. Mit gezücktem Block notiert sie laufend, was noch zu tun ist bis zur Aufführung (viel!). Keine einfache Aufgabe, denn die Schauspieler sind Chaoten, sie weichen vom Text ab, sie stolpern übereinander und aneinander vorbei.
Der Landvogt trabt auf dem Pferd heran, das edle Tier tänzelt an Ort, von Hünigwald bleibt aufrecht im Sattel, behält die Kontrolle ganz knapp. Er zitiert überlieferte vaterländische Umständlichkeiten mit Blick auf nichtexistente Berggipfel. Steigt ab und ist ein Schön-Geist mit gepflegten Gedanken und rarem männlichem Bewusstsein – wir sind nicht gut, aber wir können besser werden! Ein lösungsorientierter Herr, der schon viele Workshops besucht hat.
Katharina Gut ist etwas frustriert darüber, dass sie noch immer nicht ganz integriert ist im Dorf, obwohl sie sich tagtäglich viel Mühe gibt mit der Integration, zum Beispiel jeden Postautochauffeur mit Namen zu grüssen (sie betont das Wort «Chauffeur» sogar auf der ersten Silbe, so sehr versucht sie ihr Deutschsein zu unterdrücken!).
Kellenberger, ist ein Macher, ein Trampler und grossartiger Siech. Breitbeitig berndeutsch kaut er auf den Worten herum. Grossspuriger Bad Boy! Dorfmacho! Bald hat man von aussen die Grenzen seines Reviers gesehen. Aber drinnen ist er der Chef! Würste bestellen, Bier! Eine Ansprache an die Zuschauer? Bah! Ihm fällt dann schon etwas ein! Auch in seiner Rolle als Wüthrich, Freiheitskämpfer, fehlen ihm manchmal ein wenig die Worte. Er kann nicht so gut auswendig Texte hersagen. Hat aber doch alles im Griff, auch wenn er sich hin und wieder vertut, vergreift, und sich dann betrinken muss. Eifersüchtig ist er auch. Er bekommt Streit mit Schön, der ein Messer hat. Damit hat er in die Rinde von Baum ein Herz geritzt, und die Buchstaben G & K.
Schön und Kellenberger liefern sich ein Handgemenge, am Schluss liegt Kellenberger am Fusse des Freiheitsbaumes. Der Kampf erinnert mich an das alleine von Helge Schneider gesungene Duett mit Udo Lindenberg, «Fink und Zeisig». Dies funktioniert auch hier: grossartige Schauspielkunst, die Wechsel in Haltung, Stimmlage und Dialekt: wir sehen wirklich zwei Personen! Was uns direkt zu den Meisen auf dem Baum führt, die lieblich zwitschern. Im Brustton der Überzeugung sprechen die Vögelein über jene Dinge, von denen sie etwas verstehen. Das klingt einfach herzig! In diesem klanglichen Umfeld ist auf dem Bänklein angenehm sitzen. Frau Gut möchte mit Herrn Schön nochmals die Liebesszene proben. Und er mit ihr.
Doch der Baum ist gefährdet! Es schleichen Leute herum! Die Blutbuche muss zwar fallen, aber bis dahin soll sie stehen bleiben, gopf! Dass sie selber auch noch eine Meinung hat, interessiert niemanden. Schliesslich ist sie keine adlige Linde, unter welcher sich Gerechtigkeit zu finden und zu verkünden jahrhundertelang bewährt hatte; während die Linde unbeirrt und frei gedieh, auf ihrem eigenen Hügel mit Weitsicht übers Schweizerland und Blick auf andere Linden auf anderen Hügeln! Die Blutbuche aber, der unnütze Renommierbaum der zu etwas Geld und einem Grundstück Gekommenen, schiesst auf überschätzten Parzellen in die Breite und in die Höhe. Mit ihrem glatten, einem Elefantenbein ähnlichen Stamm und dem harten Laub, das Jahre braucht, um zu Humus zu verrotten, steht sie plötzlich allen im Weg. Nichts wächst in ihrem Schatten. Elegante Lösung, das Theaterstück!
Indessen hören wir mit grossem Vergnügen Geschichten über Männerseminare, vegane Würste, das Pendant zum Fernsehkrimi aus der Sicht der Tierwelt. Die Polizei kommt. Es ist unheimlich viel und unglaublich lustig und schnell. Dazwischen Lieder, mit Minigitarren-Begleitung.

Meine Sitznachbarin und ich lachen und vergessen sofort wieder, warum. Etwas mit einem Lego. Heute ist der Todestag unserer Mütter, ihre vor drei Jahren, meine vor einem. Wir lachen so gut! Unser Lachen ist so ansteckend, dass Gut&Schön einen Moment Mühe haben, ernst zu bleiben.
Dann werden wir nachdenklich und dankbar und fühlen uns verstanden, wenn Agneta auf Lettisch ein Lied singt. Schön antwortet in seiner Sprache. Keine Fragen. Der Abend rundet sich. Erkenntnisse fügen sich zu einem Ganzen zurück. Nun nach Hause, zu Ende denken, nachspüren.
Schön&Gut haben eine treue Fangemeinde. Für mich war es das erste Mal, und ich bedaure sehr, ihre vorherigen Stücke mit den gleichen Protagonisten nicht gesehen zu haben. Vielleicht schaue ich mir «Unter fre