Sexuelle Übergriffe bleiben vielfach ungestraft

Mit einer Finissage und einer Führung endete am 30. Oktober die von Amnesty Frauenrechtsgruppe Zürich in Zusammenarbeit mit Betroffenen und Künstlerinnen erarbeitete Ausstellung «UNS REICHT’S!» Die höchst erfolgreiche Jubiläumsausstellung für 15 Jahre Anna-Göldi-Stiftung und 5 Jahre Anna-Göldi-Museum zum Thema «Sexualisierte Gewalt» stiess auf grosses Interesse, vor allem bei Frauen.



Impressionen und eindrückliche Aufnahmen von der Finissage im Anna Göldi Museum (hasp)
Impressionen und eindrückliche Aufnahmen von der Finissage im Anna Göldi Museum (hasp)

Bis zum heutigen Tag bleiben sexuelle Übergriffe vielfach ungestraft und meistens liegt der Vorteil bei den Herren der Schöpfung. Nicht das Verhalten der Tatperson, sondern das Verhalten des Opfers wird als Erstes infrage gestellt. Um der Ohnmacht der Betroffenen entgegenzuwirken und um ihnen eine Stimme zu geben, hat Amnesty International die Ausstellung «UNS REICHTS!» lanciert. Dabei brechen von sexueller Gewalt selbst Betroffene mit Mythen, Tabus und Stigmas. Statistisch gesehen hat die Schweiz jede fünfte Frau sexualisierte Gewalt erlitten. Im Rahmen der Jubiläumsausstellung für 15 Jahre Anna-Göldi-Stiftung und 5 Jahre Anna-Göldi-Museum hingen vom 2. April bis 30. Oktober dieses Jahres auf grossen Leuchtkästen Plakate mit aussagekräftigen Fotografien von Betroffenen.

Hintergrund der Ausstellung beleuchtet

Gleichzeitig zum Saisonausklang und Abschluss der Jubiläumsausstellung zum Thema «Sexualisierte Gewalt» im Anna-Göldi-Museum fand am letzten Sonntag im Oktober anlässlich der Finissage der Ausstellung «UNS REICHT’S!» eine von den Künstlerinnen Jorinde Wiese, Anne Gabriel-Jürgensen, Katharina Hofer, Brigitte Lampert in Zusammenarbeit mit der Amnesty International Frauenrechtsgruppe Zürich organisierte Lesung und Führung durch die Ausstellung statt. Dabei wurden die Hintergründe der Ausstellungsentstehung beleuchtet und deren Dringlichkeit vor Ohren und Augen geführt. Beim Small Talk, Kaffee und Kuchen konnten die Ausstellungsbesucher mit den Aktivistinnen der Amnesty Frauengruppe Zürich eingehend diskutieren und zum Thema Stellung nehmen.

«Ich hatte keine Lust mehr, mich zu schämen»

Auf eindrückliche Art und Weise, offen und ehrlich schilderte Jorinde Wiese als selbst Betroffene ihre furchtbaren Erlebnisse, die sie als 19-Jährige erlebt hatte. Jorinde hatte sich in der Öffentlichkeit geoutet, weil sie absolut keine Lust mehr hatte, sich zu schämen. «Erst als die Erinnerungen an die Tat mich immer öfters heimsuchten, realisierte ich, dass ich etwas ändern musste. Ich begann mich öffentlich zu positionieren. Ich dachte, je öffentlicher ich damit bin, desto einfacher wird es. Das stimmt nicht unbedingt, denn durch Öffentlichkeit kommt mehr Druck dazu, aber das war eben mein Weg. Jorinde wurde im Sommer 2013 vergewaltigt! Ihre Lesung im Anna-Göldi-Museum ist allen Zuhörern im wahrsten Sinne des Wortes eingefahren.

Frauen waren in der Überzahl

Auf die Frage nach einem kurzen Résumé und ob sie mit der Besucheranzahl und der Resonanz mit der jetzt zu Ende gehenden Ausstellung «MIR REICHT’S!» zufrieden seien, erklärte Museumsleiterin Dr. Ursula Helg: «Das Interesse für die Ausstellung war gross. Es konnten viele wichtige Gespräche am Rande geführt werden. Das war wirklich eine würdige Jubiläumsausstellung. Die Verbindung vom Fall Göldi zur Gegenwart war durchaus gegeben. Auf die weitere Frage, ob es schon vom Thema her mehr Frauen unter den Ausstellungsbesuchern waren, antwortete Dr. Helg: «Ja, es waren schon mehrheitlich Frauen gewesen, welche die Ausstellung besuchten. Es hat auch Frauengruppen und Therapiegruppen gegeben, welche das Thema natürlich brennend interessierte.