Sind wir unfreundlich?

Fachkräfte aus dem Ausland empfinden die Schweizer als unfreundlich. Das berichtet «Blick online». In einer Umfrage klassifizierten Expats die Schweiz gar schlechter als Länder wie Vietnam oder Uganda.




Die Schweiz rutscht in der Umfrage, in der ausländische Fachkräfte bereits zum dritten Mal Zielländer klassifizieren, immer weiter ab. 2014 lag sie noch auf Platz vier. 2015 war es Rang 14, nun ist es Platz 31 (von insgesamt 67 Ländern). Den ersten Rang belegt Taiwan, gefolgt von Malta und Ecuador.

Die Fachkräfte aus dem Ausland schätzen laut dem Artikel auf «Blick online» zwar die Lebensqualität in der Schweiz, die gute Transportinfrastruktur, die Sicherheit und das Gesundheitssystem. Schwierigkeiten haben sie hingegen mit sozialen Faktoren – und zwar «in gravierendem Ausmass»: Sie fühlen sich in der Schweiz nicht willkommen, empfinden die Schweizer als unfreundlich und finden bei uns nur schwer Freunde. Zudem seien die Lebenshaltungskosten sehr hoch.

Nun, den letzten Punkt wird ja niemand bestreiten. Die sozialen Gründe hingegen haben zu mehr als 100 Leserbriefen geführt. Die Themenpalette reicht dabei von «die müssen ja gar nicht zu uns kommen» bis «ich kann das nur bestätigen».

Sind wir Schweizerinnen und Schweizer unfreundlich? Wir sind sicher zunächst einmal zurückhaltend gegenüber Menschen, die wir nicht kennen. Das betrifft aber nicht nur Ausländer, sondern auch uns unbekannte Schweizer. Wir warten ab, beobachten deren Verhalten – und öffnen uns je nachdem. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer oberflächlichen Begeisterung für alle, die aber an der Oberfläche steckenbleibt. Wenn wir uns öffnen, bleibt die Freundschaft tief. Egal, was kommt.

Unsere Öffnung hängt dabei direkt vom Gegenüber ab. «Grundsätzlich gilt für Expats folgende Regel: Ankommen, Sprache und Kultur kennenlernen und dann Freunde suchen», schreibt ein Leser. Da hat er Recht. Wer zu uns kommt, muss sich unseren Bräuchen und Gepflogenheiten anpassen. Auch ein herzliches Lächeln wirkt oft Wunder. Wie heisst es so schön? Wie man in den Wald hineinruft ...

In diesem Zusammenhang hat mich die Aussage einer deutschen Frau, die ich vor Kurzem porträtiert habe, beeindruckt. Sie sagte: «Uns Deutschen wirft man eine gewisse Direktheit oder Kaltschnäuzigkeit vor. Ich musste lernen, diplomatischer zu formulieren.» Wichtig sei, dass man sich integrieren wolle, sich anpasse und Kontakt knüpfe.

Darum geht es doch. Eine Frau sagte in der «Tagesschau» zum Thema Expat-Studie, sie selber sei zwar sehr kommunikativ, habe aber mit den Schweizern immer Schwierigkeiten gehabt. Und: «Ich glaube nicht, dass man ein Volk ändern kann.» Wie bitte? Wenn sie bei uns lebt und arbeitet, müsste sie sich wohl ändern, nicht das ganze Schweizer Volk.

Ich bin überzeugt: Wer Arroganz und Besserwisserei an den Tag legt, hat verloren. Wer sich bemüht, gewinnt. Mit Unfreundlichkeit hat das nichts zu tun. Aber mit Respekt dem Anderen gegenüber. Oder was meinen Sie?