Struwwelpeter der Extraklasse

Dass die Geschichten um den Struwwelpeter nicht in die Jahre gekommen sind und dank Transformation ins Heute einen durchaus hohen Stellenwert gewinnen können, bewies die Münchnerin Sarah Hakenberg. Sie gastierte – nicht zum ersten Mal – auf Einladung der Kulturgesellschaft Glarus in der Kanti-Aula vor einer spürbar begeisterten und leidenschaftlich mitvollziehenden Fangemeinschaft. Vier Zugaben haben Seltenheitswert – sie schaffte das locker.



Bieder, ja schon beinahe unauffällig betrat sie die Bühne. Es war vornehme Pflicht, in das Geschehen um Struwwelpeter einzuführen, über Irrungen, Wirrungen und neue, mehr oder minder zeitgerechte Neubearbeitungen zu berichten. Bereits in diesen Momenten ging das berühmte «Raunen durch die Menge». Es war für Sarah Hakenberg unmöglich, die wahren literarischen Perlen aus den ungefähr 1900 verschiedenen Fassungen rauszupflücken – da hätten auch eine Vielzahl unterhaltsamer Abende nicht ausgereicht. So erfuhr man Knappstes über Struwwelhitler (aus dem Zweiten Weltkrieg, kein Verkaufserfolg im damaligen Nazideutschland), Schwuchtelpeter und andere Werke der bös in die Ecke gestellten Weltliteratur. Sarah Hakenberg stellte nach langen Recherchen (die Erarbeitung des in Glarus präsentierten Programms habe immerhin drei Jahre gedauert) fest, dass in den publizierten Fassungen gar nichts Struwwelpetriges aus unserer intensiv erlebten und gelebten Neuzeit vorhanden sei. Dem schaffte sie nachhaltig Abhilfe. Es muss in Sarah Hakenberg eine verrückte Zahl von Gedanken (sogenannte hirnzentrierte Inputs) gegeben haben, bis alle Erkenntnisse bühnenreif umgesetzt waren. Die Vielzahl war so gewaltig, dass sich sogar eine veritable Bühnennummer mit jenen Ideen ergab, die es nicht ins Programm geschafft hatten.

Sarah Hakenberg lebt eine Vermischung von Keckheit, leichter Selbstironie, Alltag, musikalischen Hits, platten und doofen Texten, Lust am Karikieren, Wortwitz, dichterischem Geschick, Freude an verrückten aber treffsicheren Reimen; deutlichen, sehr zeitkritischen Hinweisen zum Flüchtlingselend und einherpolternden an Sturheit und Poilitmacht kaum mehr zu übernietenden Gemeinschaften, die sich in sogenannten Parteien zusammengefunden haben, Fabulierkunst und Musikalität aus, die sich in derart komprimierter Form nicht grad so schnell wiederfinden lässt – auch bei intensivstem Suchen.

Nach dem Zurechtfinden auf der Bühne erfolgte um der Internationalität willen eine mehrsprachige Programmansage. Aus Platzgründen und wegen Geldknappheit – so Hakenberg – würden Orchester und Ballett nicht auftreten – was auch absolut unnötig, ja unpassend gewesen wäre. Ein klein wenig musste man sich in der Urfassung des Struwwelpeters schon auskennen, um der gar rassigen, Aktuelles erfassenden Umarbeitung folgen zu können. Es ging keck, zuweilen rotzfrech, fröhlich, besinnlich, urplötzlich bitterböse, willkommen und unerwartet eigenwillig konstatierend los. Der dralle Kalle, die verheerenden Auseinandersetzungen mit Haustieren, sich an Süssigkeiten hemmungslos überfressen, der Tod mehrere Hamster, Diagnose und Bekämpfung des Zappelsyndroms durch Medikamentenabgabe und begleitender Therapie, die Mandy mit ihrem Handy, das am aufgespannten Schirm wegfliegende Kind; Ersaufen im Gewässer nach auffallend missglückten Rettungsversuchen; der Schwank um Frank, der grad ertrank oder die Hakenbergsche Erkenntnis, dass die Geschichten um Struwwelpeter gar nicht böse gemeint seien, hatten in diesem wahrlich verrückten Gefüge Platz. So wurde man von Höhepunkt zu Höhepunkt geführt, zuweilen tiefen, mit echten Sorgen gefüllten Tälern begegnend. Das Kinderfest einer nationalistischen Partei in Deutschland war starker und deutlicher Zeitzeuge. Hakenberg ist in derartigen Momenten unbequem, mutig und ehrlich.

Sie entpuppt sich wenig später als genaue Beobachterin des Musikantenstadels, hat die fünf Bewegungsabfolgen der Schlagerstars samt Fingerhakentick des Hansi Hinterseers so genau studiert, dass sie dank Playback absolut bühnenwirksam in den verschiedenen Posen agiert und die Herz-Schmerz-Texte erfrischend aussingt.

Und nachdem man auch noch mit Jogaturnen für Senioren bekanntgemacht worden war, ging es nach leicht mehr als zwei vergnüglichen, sehr anregenden Kabarettstunden auf den Heimweg.