Stürmisches, Besinnliches, Überschwang und anderes – Reeto von Gunten in Näfels

Reeto von Gunten – schon mal am Radio gehört, ein von ihm verfasstes Werk gelesen, ihm vielleicht persönlich begegnet – gastierte auf Einladung der Kulturgesellschaft Glarus im Hotel Schwert Näfels. In ihm schlummert eine begeisternde Zahl von Talenten, die er meisterhaft zu wecken vermag.




Er bringt eine Vielfalt an Stimmungen zu Gehör, aufrüttelnd, munter, Betroffenheit auslösend, musikkundig, beschwörend, dann scharf und sachkundig urteilend, wenn es die thematisierte Situation erfordert. Er kann mitreissend Munterkeit auslösen, an Oberflächlichkeiten festhalten, urplötzlich klar Stellung beziehen. Er ist theatralisch zuweilen überzeichnend, wenn es denn sein muss. Er schildert zuweilen liebenswürdig detailgetreu, ist ehrlich und willkommen direkt.

Die Begrüssung zum langen, langen Kleinkunst-Theaterabend oblag Heini Nold, dem Verantwortlichen des sogenannt «Dritten Programms». Ab Leinwand konnte man Reeto von Gunten mit seinem als «Single» übertitelten Programm schon mal angucken und sich so seine Gedanken zum angeschnittenen «O» über seinem Kopf machen. Waren das nun Teufelshörnchen? Handelte es sich um einen angeschnittenen Glorienschein? War es Teil einer leicht schräg aufgesetzten Krone? War der Fotograf so nervös, dass er beim Knipsen mit seiner Kamera weggerutscht war? Derartige Fragen beantworteten sich im Verlaufe des munteren, sehr wechselvollen Angebots fast von selbst.

Noch während von draussen keiner Stilrichtung zuzuordnenden Fragmente des SchmuDo leicht unüberhörbar aufklangen – als treue Begleiter während des beinahe ganzen Abends, begann Reeto von Gunten die verschiedenen «Singles» zu gliedern, behutsam einführend, ein Credo abgebend, dass er nie aus dem Publikum Leute rauspflücke und auf die Bühne bitten werde, Peinlichkeiten und Verletzendes ablehne. Er führte zur Musik rüber, zu einem Element, das zu verbinden, zu faszinieren vermöge, innere Geschichten und damit Gefühle wachrufe. Er bezog Erlebnisse und Erfahrungen mit seinen beiden Kindern ein.

Musik und Instrumente gehören unabdingbar zusammen. Nur sollte man das jeweilige Instrument beinahe tadellos und mit spielerischer Eleganz auch beherrschen, sonst reiche das höchstens für Free Jazz. Von Gunten ist passionierter Befürworter von Gitarre und Handorgel, das seien taugliche Artikel beim Verweilen am Lagerfeuer. Andrerseits waren seine flammenden Reden zum Klavier zuckersüsse Kostbarkeiten, der fiktiven Verliebtheit zwischen Heranwachsenden zuzuordnend.

Zuerst demonstrierte er sein «Demo Tape» und dessen vielseitige Einsatzmöglichkeiten. Liebend gerne hätte das der begnadete Frontmann auf der Bühne als Jugendlicher stets in einer «Orischinal PUMA-Sporttasche» mitgenommen. Sein Vater hatte kein Geld für diesen Erwerb und malte einen Puma auf die Tasche – das sei echt schlimm gewesen, so der eifrige, blumige ungemein muntere Redner.

Aus dem «Demo Tape» wurde wenig später ein «Demo Pape» (in einer Schachtel enthaltene Notizen); Grundlagen aller, wie sich bald einmal herausstellte, abendfüllenden Ausführungen und Gedanken. Was sich da alles ausspinnen, ausschmücken und dank kecken Erläuterungen genussvoll miterleben liess! Das war ebenso brillant wie elegant, eigene Lebenserfahrungen überdenkenswert machte. So erfuhr man, welche Vokabeln bei einer Verkehrskontrolle genügen, auch wenn man noch so besäuselt angesaust komme. Es wuchs die Erkenntnis, wie künstlichen Pflanzen ein natürlicher Touch angehaucht werden kann. Man weilte mit dem von Gunten in der auf Selbstbedienung basierenden Zahnarztpraxis, litt bei dieser absolut aus dem Ruder laufenden Behandlungsform gewaltig mit. Später war zu erfahren, dass das eigene Buch erst geschrieben werden müsse, wenn das Sammeln der finanziellen Unterstützung (Crowdfunding) erfolgreich verlaufen sei.

Sehr breiten Raum nahm die Geschichte mit dem Flüchtling aus Eritrea ein, der inmitten eines Siedlungsteils mit tüchtigen, senkrecht denkenden Schweizern tagelang auf einem Baum ausharrte, der langen Bedrohung auf kluge Art standhielt, die erkrankte Katze seines ärgsten Widersachers aufpäppelte und dann sogar Familienanschluss fand. Das helle, farbenprächtige Lichtspektakel, das von Gunten raufbeschwor, war Ende einer sehr langen, bewegenden Story, mit der erdrückenden Aussage, dass gegenwärtig 70 Millionen Mitmenschen auf der Flucht sind.

Und weiter ging es wieder mit Munterkeiten aller Art, der Hinwendung zur Lifestyle-Pflanze, die Innereien aufzulösen vermag, der Seriosität des Klavierübens, der Funktion von Vorbildern, dem Bettgeflüster mit unerwartetem Ausgang, der toprichtigen Organisation eines Kindergeburtstages samt Zvieri, Timing und Thema dieses Events, zu Inschriften auf dem Grabstein, …

Reeto von Gunten durchstöberte seine Unterlagen, stimmte mit seinem genüsslichen Lächeln zuweilen gar charmant ein, gab abschliessend die für Kleinkunstveranstaltungen gültige Applausordnung bekannt und hatte damit sein zahlreich erschienenes, dankbar reagierendes Publikum restlos begeistert.