Tamangur – eine Annäherung im Richisau – Leta Semadeni las

Tamangur ist gewiss ein Begriff, der vielen unbekannt ist, irgendwie «exotisch» klingt. Es ist das Verdienst der im Engadin lebenden Leta Semadeni, dass anlässlich der Lesung im Klöntaler Richisau eine willkommen umfassende Verdeutlichung erfolgte. Auf Einladung von Baeschlin littéraire weilten erfreulich viele Literaturfreunde in einer irgendwie unvergleichlich schönen und inspirierenden Umgebung, vom Alltag weit entfernt.



Mit der wortreichen der Einführung von Hansrudolf Frey wurde verdeutlicht, dass die Engadiner Literatin im deutschsprachigen Raum zu Unrecht nicht allzu bekannt ist – leider.

Die 1944 in Scuol geborene Literatin amtete einst als Sprachlehrerin, weilte während längeren arbeitsverbundenen Aufenthalten in Lateinamerika, Paris, Berlin, New York und anderswo, um später wieder ins Engadin – nach Lavin – zurückzukehren und das literarische Schaffen weiterzuführen. Leta Semadeni wurde vor wenigen Jahren mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Mit der Wiedergabe verschiedener Buchbesprechungen in deutschsprachigen Presse-Erzeugnissen wies Frey auf die abwechslungsreichen, spannend zu lesenden Inhalte in «Tamangur», Semadenis erstem Roman, hin.

Leta Semadeni wies auf die Schönheit des Engadins hin, um im beinah gleichen Atemzug die vornehme Ruhe des ihr bis anhin unbekannten Klöntals zu rühmen.Sie betonte, dass einige Geschichten in «Tamangur» vor beinahe 40 Jahren in Gedichtform zu Papier gebracht worden seien. Diese Erkenntnis gedieh bei den stets gebannt und konzentriert Hinhörenden zum bekannten «Aha-Erlebnis». Leta Semadeni erwähnte, dass sie vieles praktisch zeitgleich in Romanisch und Deutsch verfasse, nichts übersetzen lasse. Mit Bezug auf einige Gedichte zeigte sie dieses Werden auf, die Lesung mit der «Ode des Hirten an seine Ziege» beginnend.

In «Tamangur» spielen die Grossmutter und ein namenloses Mädchen die inhaltlichen Hauptrollen. Es kommen dazu einige Dorfbewohner eines ebenso namenlosen, aber vielerorts wohl existierenden Ortes dazu. Die Grossmutter sagt, dass ihr Dorf nichts anderes als ein Fliegendreck auf der Landkarte sei. Für das Kind ist die Grossmutter willkommenes, notwendiges und wertvolles Zentrum des eigenen Aufwachsens. Stets muss das Kind davon träumen, wie sich der Körper seines verstorbenen kleinen Bruders entfernt. Zu diesen beiden gesellt sich der Grossvater, einst unverkennbar kräftig einherschreitender, liebenswürdiger und verständnisvoller Jäger, der nun in Tamangur ist. Dort hinauf schaut das Mädchen sehr oft, sich in Gedanken mit dem Grossvater unterhaltend. Im Dorf lebt zudem die seltsame Elsa, die hin und wieder Elvis Presley am Esstisch hat, herrlich quere Geschichtlein mit wechselnden Inhalten zu erzählen weiss.

Leta Semadeni pflegte eine ganz besondere Art des Lesens. Sie liess sich bereitwillig unterbrechen, gliederte die kurzen Kapitel in mehrere Teile, stellte sich gerne den Fragenden. Ihr Schildern beeindruckt durch Vielfalt, Stimmungswechsel, Direktheit, schnörkelloses Darstellen. Sie lädt zum Staunen, Sehnen, Dahinträumen ein, weckt mit den kurzen, wechselvollen Kapiteln Interesse, Leidenschaftliches, provoziert Schmunzeln und spontane Anteilnahme. Tamangur ist das Jenseitige, aber nie Entfernte, Unsichere, undurchdringlich Geheimnisvolle. Semadeni nimmt mit ihrem Schildern Stellung zu Ängsten, Ungelöstem, zu Fragen des Mädchens. Sie gestattet der Kleinen Gespräche mit dem Grossvater, lässt einen beispielsweise bei der Geschichte mit den fünf im Portemonnaie versteckten vom Grossvater bereitwillig hervorgeholten Zähne verweilen oder zeigt auf, wie genussvoll schmelzender Käse im morgendlichen Kaffee sein muss – sehr zum Missfallen der gerade bei diesem Ritual auftauchenden Grossmutter. Liebevoll und mit gebührendem Respekt, gepaart mit hohem Einfühlungsvermögen, nimmt die Autorin das Leben der Dorfbewohner häppchenweise auf.

Auf Fragen gibt Semadeni an, dass die Geschehnisse in «Tamangur» nicht ihr eigene Geschichte widerspiegeln. Dem Mädchen habe sie bewusst keinen Namen gegeben, das würde beim Beschreiben einengen, der Person ein unnötige Personifizierung verleihen. Beim Schildern habe sie dadurch mehr Freiheiten. Tamangur ist der Name eines Seitentals im Unterengadin, sei aber auch das Reich des Jägers, damit die Welt des Grossvaters.

Was es mit dem Verzehr eines Hummers und dem Hinterfragen dessen Geschlechts, dem Ausdruck «Très vite» und anderem auf sich hat, ist detaillierter zu erfahren, wenn der Roman erworben und natürlich mit Neugierde und Anteilnahme gelesen wird.

Mit seinem abschliessenden Dank verknüpfte Hansrudolf Frey die Frage, ob nun das Richisau «Tamangur des Klöntals» geworden sei. Weitergehen wird es am gastlichen Ort am 21. August mit Charles Lewinsky und der Lesung aus dem neuesten Roman «Andersen».