Tibeter könnten für uns Vorbild sein!

Fröhliches Fest am ersten Themenabend «Tibet» in der «Chämistube» in Braunwald.



Sie sind fröhlich, leben in Demut und Bescheidenheit. Alles Attribute, die uns Schweizern ab und zu gut täten. Sie haben sich hervorragend assimiliert und integriert. Die Sprache ist von den über 5000 Tibetern, welche bei uns in der Schweiz wohnen, ihrer täglichen Arbeit nachgehen und unser Gastrecht zu schätzen wissen. Es war im Jahr 1973, als 33 Tibeter nach langen Wegen der Flucht den Weg nach Linthal fanden. Anfangs waren die Einheimischen skeptisch gegenüber den neuen Dorfbewohnern, später aber begegneten sie mit Freude dem Bergvolk aus dem fernen Tibet. Es waren aber auch unsere Natur und die Berge, die damals den Flüchtlingen ihr Heimweh linderten. Tatsächlich sind die Tibeter ein Bergvolk, genau wie wir. Wohl auch deshalb sind wir uns nahe. Sie gehören ganz einfach zu uns!

Gelungener Start ins Sommerprogramm

Claudio Keller von der «Chämistube» Grotzenbühl bot am späteren Samstagnachmittag Gastrecht für all seine Freunde und Bekannte. Der erste Themenabend seines Sommerprogramms stand mit vielen Überraschungen bevor – tibetische Folklore einer Tanzgruppe der Tibeter Gemeinschaft Glarus (TGG) in Tibeter-Trachten, ein kulinarischer Querschnitt durch die tibetische Küche vom Reiswein, auch «Chang» genannt bis zu den berühmten Teigtaschen «Momos». Gespannt warteten die zahlreich anwesenden Gäste insbesonders auf den Vortrag von Fotograf und Tibet-Kenner Manuel Bauer mit dem Thema «Flucht aus Tibet».

Flucht aus Tibet


Um es vorweg zu nehmen: Noch nie hat mich ein Vortrag emotional so berührt, wie jener von Manuel Bauer, Fotojournalist, profunder Kenner von Tibet und seiner Bevölkerung und guter Freund vom Dalai Lama. Als einziger Fotograf ist es Manuel Bauer gelungen, Tibeter bei ihrer Flucht von Lhasa über den Himalaya zu begleiten. Seine beeindruckende Reportage dokumentiert den gefahrvollen Weg von Vater Kelsang und seiner sechsjährigen Tochter Yangdrol, welche im Jahre 1995 vollständig von Lhasa in Tibet bis nach Dharamsala in Nordindien über den 5716 Meter hohen Nangpa-Pass gehen mussten. Die 20 Tage dauernde Flucht führt dramatisch die politischen Verhältnisse in Tibet vor Augen und zeigt, welche Entbehrungen Tibeter auf sich nehmen, um aus ihrer besetzten Heimat zu fliehen. Die Reportage «Flucht aus Tibet» berührt zutiefst, fährt ein, macht nachdenklich, rührt zu Tränen und zeigt stellvertretend für die immer grössere Migrationsproblematik eindringlich ein Flüchtlingsschicksal.

Manuel Bauer: «Ich war mir immer bewusst, dass ich als Fotograf die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen in Tibet nicht zeigen kann. Wenn es mir aber gelingt, zu dokumentieren, dass Tibeter ihr Leben riskieren, um zu fliehen, dann beweise ich, wie schlimm es um die Situation in Tibet steht.» Als profunder Kenner informierte Bauer über die aktuelle Lage in Tibet und erzählte detailreich von den Ereignissen, die im Jahre 1959 zur Flucht des Dalai Lama führten. Für diesen Vortrag machte er Interviews mit dem Dalai Lama und schildert dessen Erlebnisse anhand von Originaldokumenten. In diesem Zusammenhang interessier es den Leser sicher, wie es Vater Kelsang und Tochter Yangdrol heute geht. Entgegen seinen Absichten lebt Kelsang immer noch in Dharamsala. Seine Gesundheit lässt es bis heute leider nicht zu, dass er zu seiner Familie zurückkehren kann. Mit Manuel Bauer hat Vater Kelsang immer noch Kontakt. Es gehe seinem Mädchen gut, schreibt er in seinen Zeilen an seinen Freund Manuel Bauer.

Die Berge sind mein Zuhause


Auf der Talfahrt in einer Gondel vom Grotzenbühl nach Braunwald erklärte mir eine Tibeterin, die bereits seit 53 Jahren in der Schweiz lebt: «Wissen Sie, ich lebe seit meiner Schulzeit in der Grossstadt Zürich. Es gefällt mir dort sehr gut, aber immer wenn ich mit dem Zug ins Glarnerland zu Besuch fahre und die hohen, mit Schnee bedeckten Berge sehe, habe ich das Gefühl, ich komme meiner Heimat Tibet näher. Die Berge sind für immer mein Zuhause.» Das kleine Trüppchen in der Gondel lacht fröhlich. Diese Fröhlichkeit, diese Zufriedenheit und Lockerheit sind ansteckend. Dies erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass das Volk am Fusse der Himalaya seit Jahrzehnten unter der Knechtschaft der chinesischen Regierung leidet. Chinas erbarmungslose Unterdrückung der Religion und Kultur in Tibet führte im Laufe der Jahrzehnte zu einem wahren Exodus. Hier stellt sich die berechtigte Frage: Wann endlich dürfen die Tibeter und ihr geistiges Oberhaupt Dalai Lama wieder in ihre Heimat zurückkehren und wann endlich akzeptieren die Chinesen die Menschenrechte? Das China, mit dem wir Schweizer nur wegen des Geldes wegen Geschäfte machen und Firmen en masse verkaufen. Sollten wir uns deswegen nicht schämen?