Töpfern, Filzen, Musik, Arbeit am PC

Zum ersten, recht langen und wie sich bald einmal herausstellt enorm interessanten Gespräch wird Hanny Gehring im Rollstuhl im «Fridlihuus» in jenen Raum gebracht, der eigentlich ein nüchternes Sitzungszimmer ist, aber bald einmal zur Kunstszene und farbigen Welt mutiert.




Zu einer Welt, die nicht im «Fridlihuus» gefangen bleibt, sondern ins Freie und in jene Weite führt, die Hanny Gehring spürbar benötigt, um einen Teil von dem zu realisieren, was in ihrem fast unerschöpflichen Ideenreservoir vorhanden ist. Die kleine zierliche Frau mit Jahrgang 1951 leidet an Friedreich`scher Ataxie, einer seltenen Erbkrankheit, die zu enormer Bewegungseinschränkung und Rückbildung der Muskeltätigkeit führt. Ohne spürbare Bitterkeit merkt Hanny Gehring an, wie sich ihr Leben, ihr Bewegen und das Sprachvermögen drastisch geändert haben. Am Anfang war alles so, wie es bei vielen der Fall ist. Sie wuchs in Niederurnen auf, wohnte natürlich eigenständig bestimmend, verheiratete sich als 21-Jährige, freute sich an der heranwachsenden Tochter, mit der sie heute noch erfüllende Kontakte hat. Irgendwann machten sich die ersten Anzeichen dieser Erbkrankheit bemerkbar und schränkten die Lebensqualität gar massiv ein.

Hanny Gehring war nicht bereit, dies einfach hinzunehmen, zu resignieren oder Untätigkeit oder Klagen den Alltag verstreichen zu lassen. Sie spricht nicht über den gewiss langen Prozess, der vor etwa 14 Jahren begann und zum Heute, zum Umsetzen von Projekten, Töpfern, Filzen, der regelmässigen Arbeit am PC, dem Besuch verschiedenster Konzerte, Ausflügen, selbstständigen Einkäufen in nahen Zentren, Museumsaufenthalten, dem Beiwohnen an Zirkusgalas oder Ausflügen geführt hat. Und wenn sie, die Wörter ganz bedachtsam wählend und langsam sprechend, darauf hinweist, dass sie dann leicht grantig werde und Stress spüre, wenn sie nicht alles Geplante am jeweiligen Tag umsetzen könne, ist das durchaus nachvollziehbar.

Das kann auch im «Fridlihuus» Glarus nicht geändert werden. Sie schmunzelt schon leicht, wenn sie ans eventuelle Einschränken der erfreulich zahlreichen und faszinierend wechselvollen Interessen und Betätigungen denkt. Und wenn man vom selbst verfassten «Künstlerischen Lebenslauf» Kenntnis erhält, kommen Staunen und Bewunderung auf. Bewunderung darüber, wie mit allen Einschränkungen umgegangen wird, Staunen über die unbeschwerte Hingabe beim ehemaligen Zeichnen und momentanen Betätigen. Hanny Gehring bedauert verständlicherweise, dass als Folge der eingeschränkten Feinmotorik Zeichnen, Häkeln und Kunststricken unmöglich geworden sind. Sie habe sich diese Kenntnisse autodidaktisch angeeignet.

Nun trifft man sie im «Fridlihuus»-Atelier beim Töpfern, Batikdruck oder Töpfern. Dann probiert sie, ob es mit Druckgrafiken klappt und was dabei herauskommt. Dann ist sie in Projekten mit Trocken- und Nassfilzen beschäftigt. Hilfe nimmt sie gerne an. Und gar treuherzig weist sie darauf hin, dass es bei der Arbeit mit Ton einfach am lässigsten sei. Und sie zeigt der interessierten Öffentlichkeit seit Jahren gerne, was sie leistet, wie sie gestaltet. Es kam zu Ausstellungen im Wiggispark, unserem Kantonsspital, dem Kunsthaus Glarus und natürlich im «Fridlihuus». Schmunzelnd nimmt man zur Kenntnis, dass sie auch gerne kleinere Gebrauchs- und Verschönerungsartikel verkaufe, da schaue doch auch was fürs kleine Portemonnaie raus.

So muss es sein, vielleicht geht’s ja wieder mal nach Zürich an ein Konzert, am liebsten mit Status Quo oder den Rolling Stones, in den Weihnachtszirkus auf dem zürcherischen Bauschänzli, in eine ganz besondere Kunstausstellung. Wünsche sind wirklich in ausreichender Zahl vorhanden.

Mit wirklich grossem Vergnügen vernimmt man, wie sie beim Filzen – dem Verbinden von farbigen Motiven und dem Grundfilz – auf eine, neudeutsch gesagt, megacoole Idee kam. Nach dem ersten Verbinden der beiden Schichten liess sie das auf eine Rolle bringen, spannte die am Rollstuhl an und fuhr ausdauernd im Volksgarten rum – bei Passanten Aufmerksamkeit oder Kopfschütteln auslösend, aber den Verdichtungsprozess ungemein vertiefend. Damit schloss ein grösseres Projekt ab, das ab Januar bis August dauerte. Hanny Gehring arbeite nun an einer Diashow; aber dafür brauche sie schon ein Jahr, will sie doch genau dokumentieren, wie die Arbeitsgänge über den ganzen Prozess hinweg abgelaufen sind.

Und – schon fast beim Weggehen – weist sie noch auf ihre zwei Katzen hin, die ihr viel bedeuten und auch erzogen werden müssen. Und beim Zusammensein mit den schnurrenden Vierbeinern werden in Hanny Gehrings Kopf wohl wieder Projekte wachsen, dir irgendwann umzusetzen sind, dafür wird sie sich beharrlich und ausdauernd einsetzen.