So gross wie er ist auch der Gedanken- und Wortreichtum. Sein beseeltes Lesen, die munteren, mit feinem Gespür herausgeschälten Geschehnisse , das sorgsame Betrachten und treffende Kommentieren nahm man gerne auf. Mit viel Anteilnahme folgte man dem Lauf der kleinen Dinge aus Teilen eines Alltags, den man überall erleben kann. Man spürte, dass Lenz gar subtil betrachtet, mit verstecktem Humor das mitverfolgt, was vielleicht einmal Basis für eine Erzählung ist. Sein literarisches Schaffen ist derart umfassend, dass eine Aufzählung keinen Sinn macht.
In einer ersten, langen Sequenz beschränkte sich Lenz auf Geschehnisse, wie sie im Band «Radio» enthalten sind. Es sind Texte, die als Morgengeschichten für SRF 1 entstanden und – so Lenz – alle schön gleich lang seien, da man sich ja auch an die Sendezeiten und das Honorar zu halten habe. Und entführt wurde man in eine Welt voller Kurzweil, Unerwartetem, Heiterem, Banalem mit geschwätzigen, vergesslichen, einfach hinschauenden, vergrämten und hoffenden Personen. Pedro Lenz begann mit jenem Flückiger, der irgendetwas mit den Nerven hatte, nie arbeitete und Tag für Tag am stets gleichen Ort auf seinem Campingstuhl hockte und schaute, ob etwas passiere. Man nahm am Schicksal des Kurt Anteil, der gar nie im Bild erschien und als Kanalreiniger offenbar unermüdlich im Einsatz war und auf den sich wiederholenden Befehl des Schlauchtransports reagierte. Und wenig später erfuhr man nach langer Namenssuche, dass sich eines der reisenden Kinder auf einer sagenhaft grossen Insel befinde, die mit «O» – beginne und in schönstem Berner Dialekt «Ouschtralie» heisse.
Die Ermahnung einer jungen Mutter an ihren Sprössling Jonathan wiederholte sich derart, dass aus «Ich sags nicht zweimal» rund 20 gleichartige Aufforderungen erfolgten. Man erfuhr wenig später, weshalb Toni stets nach Rumänien fuhr und am heimischen Stammtisch ewig übers Gleiche, nämlich die tiefen Preise, schwärmte. Weiter ging es mit einem unverhofften Treffen im Zug, es begrüssten sich ein Bahnnutzer und der diensttuende Kondukteur. Sie sprachen unter anderem über das abrupte Ende einer Gitarristenkarriere nach einem einschneidenden Erlebnis in Interlaken. Mit der richtigen Aussprache vor dem jeweiligen Nomen konnte man sich eingehend befassen; heisst es nun zwö, zwei, zwo – es wurde für jeden Nichtberner enorm schwierig.
In einer zweiten Erzählrunde ging es unter anderem um die kleine Küche, die fast Zentrum der Welt ist – aus der Sicht des philosophierenden Pedro Lenz. Er erzählt mit unnachahmlicher Eleganz, wortreich, in hohem Tempo über vorbeifahrende Züge samt aufgeladenen Camions, Zutaten für Menüs, Autos – er ist ein wahrer Akrobat. Mit seinem Schildern erfasst er Details, die Anlass zum Schmunzeln, Staunen und Überdenken sind – zögen denn nicht alle Geschehnisse so rasend schnell vorbei.
Zum Nachschlagen, Nachlesen, nochmaligen Erleben waren jene Bücher und CDs, die man vor Ort erwerben konnte. Noch nahm Lenz zu Stichwörtern wie gegensätzlichen Begriffspaaren wie Norden oder Süden, Notizbuch oder Laptop, Beiz oder Ballett, Disziplin oder Muse, Mikroskop oder Fernrohr, Roter Teppich oder Hintereingang bereitwillig Stellung, seinen jeweiligen Entscheid begründend.
Dann ging es mit Lieblingssongs, Jukebox und Gedankenaustausch für jene weiter, die diese Unterhaltungsform schätzen.Artikel



