Umfahrung Netstal/Glarus: Offener Brief der Glarner Wirtschaftskammer an die Politik

Die Glarner Wirtschaftskammer des Kantons Glarus möchte ihre Besorgnis über die jüngsten Entscheidungen bezüglich der Umfahrung Netstal und Glarus zum Ausdruck bringen, welche für das Glarnerland eine weitere unbestimmte Verzögerung eines Vorhabens bedeutet, das schon längst hätte umgesetzt werden müssen.



(Foto: Dimitri Feitknecht)
(Foto: Dimitri Feitknecht)

Der Bundesrat hat am 1. Januar 2020 im strategischen Entwicklungsprogramm Nationalstrassen (STEP Nationalstrassen) festgelegt, wie er mit kantonalen Vorhaben umzugehen gedenke.
Damals wurden folgende Nationalstrassen in den Realisierungshorizont 2040 aufgenommen:

- N13: TI, Collegamento autostradale, Bellinzona-Locarno

- N15: ZH, Züricher Oberlandautobahn

- N17: GL, Umfahrung Netstal

Begründet wurde dies damit, dass diese Abschnitte ungenügende Kapazitäten oder zu hohe Umweltauswirkungen aufweisen. Weiter hiess es, dass die Projektdossiers die Anforderungen an eine umfassend erfolgte planerische Abstimmung erfüllen. Mitte Oktober 2025 hat der Bund die Umfahrung Netstal in seiner neuesten Priorisierung lediglich als ein Projekt mit niedriger bis mittlerer Relevanz eingestuft. Nun sieht der Bund sogar einen Realisierungshorizont bis 2055 vor.
Diese Entscheidung hat weitreichende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Die Auswirkungen für Industrie und Gewerbe ebenso wie für den Tourismus sind verheerend. Eine Region, wie es der Kanton Glarus ist, kann sich nur entwickeln, wenn die Verkehrsinfrastruktur auf Strasse und Schiene bestmöglich erschlossen ist. Eine effiziente Infrastruktur ist das Rückgrat jeder florierenden Wirtschaft. Die Umfahrungstrasse würde den Transport von Gütern erleichtern und die Erreichbarkeit für Unternehmen und Touristen verbessern. Darüber hinaus würde sie die Reaktionszeiten von Blaulichtorganisationen verkürzen, den öffentlichen Nahverkehr optimieren und auch den Personenverkehr beschleunigen.

Ohne eine verbesserte Verkehrsanbindung wird unsere Region jedoch im Wettbewerb mit anderen Kantonen ins Hintertreffen geraten. Gerade angesichts der vielen Herausforderungen ist eine starke Infrastruktur entscheidend, um Investitionen und Talente anzuziehen bzw. deren eingesetzte Abwanderung zu stoppen. Weiterhin wird die Umfahrungsstrasse die Ortskerne entlasten und die Lebensqualität der Einwohner durch weniger Lärm und Umweltbelastungen erhöhen.

Der Vorstand der Glarner Wirtschaftskammer fordert von den Glarner Politikerinnen und Politikern auf Stufe Bund, Kanton, aber auch von den Gemeindevertretern, dieses Projekt entsprechend der herausragenden wirtschaftlichen Bedeutung für die Zukunft des Kantons zu behandeln.

Da trotz all dieser Bemühungen im besten Fall 30–35 Jahre vergehen werden, bis die Umfahrung realisiert ist, ist dem Vorstand der Glarner Wirtschaftskammer folgendes aber mindestens so wichtig:
Es braucht neben dem Kampf für die Umfahrung auch weitere Sofortmassnahmen zur Verbesserung der Verkehrssituation in 2026–2027. Dazu braucht es eine Vision 2028 oder 2030, welche aufzeigt, mit welcher Mittelfristplanung der Kanton das Heft selbst in die Hand nimmt und den Individual- sowie den öffentlichen Verkehr für die nächsten 30 Jahre eigenständig verbessert. Mit Blick auf die Notsituation dürfen auch unorthodoxe Ideen kein Tabu sein, wie etwa die temporäre Umnutzung von heute bestehenden, aber für den motorisierten Verkehr nicht zugelassenen Strassen oder die vorübergehende Wiedereröffnung der Brücke beim Bahnhof Netstal.

Der Vorstand würde es sehr begrüssen, wenn der Regierungsrat die Wirtschaft und die Bevölkerung regelmässig und transparent über Sofortmassnahmen und Mittelfristplanungen informiert, um das Vertrauen in die Regierungsentscheidungen zu stärken und durch das Schaffen von Perspektiven die drohende Abwanderung von Arbeitskräften, Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Touristen zu stoppen.

Der Vorstand der Glarner Wirtschaftskammer ist bereit, aktiv mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um Lösungen zu finden, die den Anforderungen aller Beteiligten gerecht werden. Nur gemeinsam können die Weichen für eine prosperierende Zukunft des Kantons Glarus gestellt werden.