Und es kam ein Engel nach Matt

Die Theateraufführungen der Oberstufenschüler des Sernftals haben eine lange Tradition, die seinerzeit mit Otto Brühlmann begonnen hat und vom ideenreich und tatkräftig inszenierenden Lehrerteam mit ungemein begeisternden Jugendlichen weitergeführt wird.




Diesmal hatte man sich der von Friedrich Dürrenmatt geschriebenen Komödie «Ein Engel kommt nach Babylon» angenommen. In spürbar liebevoller Klein- und Kleinstarbeit wurden teilweise lange und den jeweiligen Schauspieler stark fordernde Texte eingeübt, Kulissen gezimmert, Plakate mit deutlichen Hinweisen auf gar nicht geschätztes Betteln geschrieben, die Bühne in der Mehrzweckhalle Matt aufgebaut, publikumswirksame Lieder eingeübt, Kostüme herbeigeschafft, Ton- und Scheinwerferanlagen installiert, bevor es mit dem beinahe drei Stunden dauernden Dreiakter in seiner Gesamtheit losgehen konnte. Und was sich während des packenden, hin und wieder witzigen, leicht frechen, dann poetischen, romantischen, anklagenden, verurteilenden, königlichen engelslastigen oder ungemein irdischen Geschehens abspielte, war in jeder Beziehung beeindruckend. Nicht bloss, weil Jugendliche mit erfrischender Klarheit und gut inszenierter Bühnenpräsenz agierten, sondern auch dank der erfrischenden kollektiven Leistung, die unter Leitung der an der Oberstufen unterrichtenden und für unzählige Vorbereitungen verantwortlichen Lehrkräfte Nadja Büsser (Küchenbereich), Jessica Canonico (Schminken), Manuela Einsle (Musik), Sabina Elmer, Andrea Kühnis, Urs Pedrocchi und Hans Schegg (Unterricht an Ober-, Real- und Sek).

Der Engel und das Mädchen Kurrubi kommen auf die Erde

Das Mädchen Kurrubi (Selina Rhyner) kommt in Begleitung des Engels (Sarah Elmer) auf die Erde zu den Ärmsten aller Armen. Diese Erreichbarkeit basiert auf unumstösslichen himmlischen Berechnungen. In Kurrubi schlummert die Gnade des Himmels. Kurrubi quittiert alles mit: «Ja, mein Engel». Erreicht wird der einzige, wahrhaft existierende Bettler namens Akki (Reto Schuler). Seine «Berufsgenossen» haben sich auf Geheiss und mit nicht eben sanftem Nachhelfen ihres Königs Nebukadnezar (Josef Bertini) vom Betteln abgewendet. Wer die königlichen Befehle nicht so recht verstehen wollte, musste bitterlich büssen.

Was der Engel und Kurrubi nicht wissen: Nebukadnezar – von Akki leicht keck als «Freund Nebi» tituliert – hat sich entschieden, die Stimme des Volkes kennenzulernen, sich der königlichen Insignien temporär zu entledigen und Bettlerkleidung zu tragen. Ausgerechnet in diesem Moment treffen die Himmlischen auf der babylonischen Erde ein und stossen auf zwei Bettler, die sich einen ungemein unterhaltenden Wettbewerb um den Begabtesten aller Bettler liefern. Klar, dass Akki gewinnt. Der ist nun sowas von souverän. Nebi erhält zum Trost die himmlische Gnade – ein Preis, der mit Irrungen und Wirrungen verbunden ist. Kurrubi verliebt sich – welch folgenschweres Schicksal – in den falschen Bettler, der sich mit einem Problem konfrontiert sieht, das auch mit königlicher Souveränität und Einfallsreichtum nicht lösbar ist. Nebukadnezar wirkt gar listig, als er das Mädchen, das sich immer stärker mit gar Irdischem auseinanderzusetzen hat, gegen den Ex- und Nebenkönig Nimrod (Markus Freitag) eintauscht. Nimrod ist übrigens von Akki im Bettlerwettstreit auch noch gewonnen worden.

Die wahre Kunst des Bettelns, Banker, Polizei, Militär, Henker, Dichtkunst

Dürrenmatts kleine Bosheiten, die knalligen Statements, die vor einer Vielzahl an irdischen Gegebenheiten nie Halt machen, die Unbändigkeit der ganzen, immer buntere Züge gewinnenden Handlung, hat eine Vielzahl von kleineren Auftritten mit Nachwuchspoeten, Sklaven, Arbeitern, einer pfiffigen Hure, dem Banker Enggibi, dem kleinbürgerlichen Polizisten, einem Weinhändler oder Eselsmilchverkäufer und anderen zur Folge. Für den Zuschauenden wird es langsam anforderungsreich, noch Übersicht und klaren Kopf zu bewahren. Akkis Bettelgeschick überträgt sich nicht auf Kurrubi. Er ist goldmedaillenverdächtig erfolgreich, häuft unermessliche Reichtümer an, geht damit gar liederlich um, knöpft dem königlichen Henker das Amt ab (und rettet dadurch später das eigene und Kurrubis Leben), und wirkt aus seinem Gemach am Ufer des Euphrat – man kann es nicht anders sagen – mit königlicher Grandezza. Und Romanzen bahnen sich an gleicher Stätte dank Kurrubis Schönheit an. Rosamunde Pilchers Hochglanzgeschichten lassen beinahe grüssen. Im Zentrum des dritten Akts stehen König und Gegenkönig mit witzigen Dialogen, Kurrubis Getue und der königliche Befehl auf deren Hinrichtung in der Wüste. Inzwischen ist aber Akki der Henker. Man erahnt das Happyend. Das babylonische Volk wird in Schicksalhaftem zurückgelassen. Die beiden wollen weg – in ein neues Land mit neuen Herausforderungen, Gesängen und Problemen. In diesem verwirrlichen, Dürrenmat`schen Mix von Schauplätzen Gefühlen, Erkenntnissen haben sie an Reife und Entscheidungskraft gewonnen. Ihr Weg in neue Abenteuer wird möglich, in den eigenen Gedanken begleitbar.

Den riesigen Beifall haben sich die 50 Akteurinnen und Akteure und das Lehrerteam mehr als verdient. Das Begegnen war einem riesigen, unglaublich bunten Bild mit verblüffendsten Inhalten vergleichbar.

Und was wird dereinst aus der «Theaterschmiede Sernftal», wenn die Oberstufe Sernftal als Folge der Fusion und der «Neugliederung der Schulen Glarus – Süd» aufgelöst und anderswo integriert wird? Mittels Flugblatt, das am Ausgang aufgelegt war, macht man sich verständlicherweise fürs Modell 9 + 3 und fürs Weiterleben der Oberstufe Sernftal stark. Kriegt das ein besonders überzeugend auftretender Engel, der einst in Babylon war, auch hin?Artikel