«Unser Zwingli»

Dem Reformator Huldrych Zwingli galt der zweite Vortrag im Landratssaal im Rahmen des Auftakts zum Reformationsjubiläum. Auf Einladung der Reformierten Landeskirche vermittelte vergangenen Freitag der Zwinglikenner und Pfarrer und Theologe Jürg Jäger-Kunz ein facettenreiches Bild der prägnanten Persönlichkeit.




Zu Zwinglis Karriere zählten auch zehn Jahre als Pfarrer in Glarus. Hierher wurde er 1506 nach Studien in Basel, Bern und Wien berufen. Schon damals war dem noch gut katholischen und papsttreuen Kirchenmann wichtig, dass Christenmenschen ihre Verantwortung als wache Bürger zum Wohle des Gemeinwesens wahrnehmen.

Einsätze als Feldprediger der Schweizer Söldner auf Seiten der päpstlichen Partei führten Zwingli auf die Schlachtfelder Oberitaliens. Die verheerende Niederlage der Eidgenossen in Marignano öffnete ihm endgültig die Augen für die katastrophalen Folgen von Krieg und Reisläuferei. Die heimkehrenden traumatisierten und unglaublich verrohten Söldner sorgten in der Eidgenossenschaft für ein Klima von Gewalt und Verängstigung. Der Referent sah hier durchaus Parallelen zu den heutigen Dschihad-Rückkehrern. Zwingli verurteilte in der Folge unmissverständlich die Reisläuferei sowie das Kriegführen durch die Kirche. Diese Haltung wurde keineswegs überall geschätzt.

1516 wechselte Zwingli nach Einsiedeln, bevor er 1519 nach Zürich kam. Dort wurde er endgültig von der reformatorischen Bewegung ergriffen und selber zu einem ihrer herausragendsten Vorreiter.

Nach den Einblicken ins Geschichtliche zeichnete Jäger die theologischen und politischen Konturen Zwinglis, namentlich auch im Kontrast zu Luther. Luthers Zentralfrage nach dem persönlichen Heil («Wie kriege ich einen gnädigen Gott?») war nicht Zwinglis Hauptthema. Ihn bewegte vielmehr die Fragestellung: Wie muss das Gemeinwesen aussehen, damit es Gottes Vorstellung vom menschlichen Zusammenleben gerecht wird?

Auch für Zwingli war das Heil einzig und allein bei Gott zu suchen; keinesfalls durfte Kreatürliches vergottet werden. Zwingli war aber weniger dogmatisch festgefahren als Luther, sondern offener, namentlich auch für den Humanismus. In seinem Wirken suchte er theologische Erkenntnisse mit politischen und sozialen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Sein lösungsorientiertes und pragmatisches Anpacken von Zeitfragen zeigte sich etwa im Steuer-, Zins- und Almosenwesen und nicht zuletzt in der einfühlenden Auseinandersetzung mit rebellischen Bauern, die eine Eskalation wie in Deutschland vermied.