Unsere unbekannten Nachbarn – das Volk der Jenischen und die Sinti

Damit sich Interessierte und Wissbegierige mit dem Volk der Jenischen und Sinti vertiefend befassen können, ist im Anna-Göldi-Museum an der Ennendaner Fabrikstrasse eine Ausstellung eröffnet worden, die bis 9. September andauert. Der Informationswert ist willkommen hoch, auf knappem Raum wird einiges vermittelt, was nicht allen bekannt sein dürfte. Mit lebensgrossen Figuren und darauf abgestimmten Texten wird auf Verschiedenes hingewiesen.



«Was sie tun» ist eine der verschiedenen Stationen. Der Weg vom «Scherenschleifer zum heute universell Tätigen» ist aufgezeichnet. Jenische sind Alleskönner und Überlebenskünstler – es mag vielleicht etwas hochtrabend tönen, entspricht aber durchaus der Wirklichkeit. Früher standen Korben, Kesselflicken oder Seilhandel im Zentrum der alltäglichen Arbeit, heute hat sich alles geändert. Gartenarbeiten, kleiner Renovationen an Gebäuden und anderes sind von den Umherreisenden offeriert. Betätigungen als Grafiker, Filmemacher, im Pflegebereich, Autohandel sind ebenfalls erwähnt. Ein klares Bekenntnis zur Arbeit ist aufgeführt: «Jenische sind nie arbeitslos. Es wird einfach das Betätigungsfeld gewechselt.» Mobilität ist also gefragt.

«Was sie sprechen» ist ein weiterer Begegnungsort. Für viele Jenische sei die Sprache so etwas wie ein letztes Geheimnis. Die Sinti pflegen eine Variante der Roma-Sprache. Mit wenigen Beispielen wird die Verständlichkeit einiger Wörter aufgezeigt.»Scheinly» bedeutet beispielsweise «Auge»; «Brunly» ist der «Kaffee». Es ist auch angemerkt, dass das Jenische verloren gehe, Heranwachsende pflegen Althergebrachtes zu wenig bewusst.

«Wie die Schweiz vielfältiger wird» – auch wenn rassistische Vorurteile zuweilen einschneidend, unangebracht und stark sind. Zu diesem Informationsteil gehören das Umherreisen, Standplätze, Lebensräume. Aktuell sind in unserem Land etwa 30 Standplätze angeboten. Es bräuchte eine Verdoppelung. Etwa 3000 der insgesamt rund 35 000 sind in den Sommermonaten unterwegs, die grosse Mehrheit aber an festen Orten sesshaft geworden.

«Wer sind sie» – in der Schweiz sind es viele Alteingesessene. Früher kannte man sie unter der Bezeichnung Fecker und Chessler. Viele entstammen dem gleichen Raum.

Und «Was sie lieben» ist mit Stephan Eicher als prominentes Beispiel deutlich erklärbar. Es ist die tiefe Liebe und Freude an Musik, sei es nun mit dem Schwyzerörgeli, dem Hackbrett oder der Geige. Parallelen zur urschweizerischen Ländlermusik bestehen ganz klar.

Und «Was die Frauen tun» wird ganz klar erläutert. Sie sind die heimlichen Wortführerinnen, sie prägen und gestalten den Alltag. Zu oft waren sie einst die Opfer als «Kinder der Landstrasse» – ein gar unrühmliches Kapitel der schweizerischen Geschichte. 1975 wurde die «Radgenossenschaft der Landstrasse» gegründet, es kam zur immer noch andauernden Aufarbeitung von sehr Tragischem, Belastendem.

«Wohin sie reisen» – ein klein wenig wurde man auf die für einige nie endende Reise mitgenommen – die Ausstellung ist auch eine Reise durch die Geschichte dieser unbekannten Nachbarn, die nach dem Besuch näher herangerückt sind.