Verborgene Schreie am Vrenelisgärtli – Kriminalroman

Auf Einladung der stadtglarnerischen Kulturbuchhandlung Wortreich weilte Saskia Gauthier mit ihrem neuen Roman im Hauptort. Im Zentrum des Geschehens steht Lisa Klee, die Rechtsmedizinerin. Zuviel hat sie an ihrem Arbeitsort in Zürich erlebt, zu belastend wurde vieles. Sie hat sich – auch auf Anraten ihrer Therapeutin – für eine längere Auszeit, fern von Beruflichem, entschieden. Bewusst hat sie Abgeschiedenheit und Distanz zu ihrem Freundeskreis, damit auch von ihrem beruflichen Umfeld gewählt. Nachdem sie das «Vrenelisgärtli Retreat Village» und ihr Häuschen erreicht hat, wären der Beginn des Ausspannens, des Auseinandersetzens mit Belastendem, das Rauslösen gegeben, Therapiesitzungen wären eigentlich eingeplant. Aber es kommt alles ganz, ganz anders.



Lesung Saskia Gauthier im Wortreich Glarus (Bilder: p.meier)
Lesung Saskia Gauthier im Wortreich Glarus (Bilder: p.meier)

Lisa Klee hat sich gar Sonderbares ausgewählt. Das Resort ist wegen eines Erdrutsches für eine gewisse Zeit nur per Helikopter erreichbar, Funkverbindungen fallen ebenso aus wie der Handyempfang. Im Resort stösst sie auf eine Vielzahl von Leuten, die zum Teil doch reichlich komisch einherkommen, die aus verschiedensten Gründen ebenfalls an diesem Orte weilen – inmitten herrlichster Berglandschaft mit satten grünen Weiden, grandiosem Fernblick und malerischem Bergsee. Diese Lebensgemeinschaft auf Zeit passt nur sehr eingeschränkt zusammen. Saskia Gauthier charakterisiert alle, ordnet ein, schildert ihr Empfinden. Ihre Titelfigur tut sich enorm schwer mit der gar bunt zusammengewürfelten Schar, die so etwas wie eine kleine Dorfgemeinschaft bildet. Es wird eingekauft, vermutet, hinterfragt, zuweilen im Übermass getrunken, rumgealbert. Es kommt zu Grobheiten und Verunglimpfungen. Lisa Klee – wie andere an diesem abgeschiedenen Ort – mit ihren Gefühlen nicht zurück.

Gauthier baut eine zuweilen seltsame aufkommende Szenerie auf, inmitten einer Berglandschaft, die es so nicht gibt. Weshalb das Resort einen leicht exotischen Namen trägt, weshalb sich Vreni mit ihrem Lädeli grad hier eingerichtet hat, weshalb sich ein Häuschen Fessisseeli, die Beiz «Zum Marttinsloch» nennen, ist wohl der dichterischen Freiheit der Autorin zu verdanken. Sie wirbelt mit Charakterisieren und dem Aufgreifen der mannigfaltigen Sachverhalte zuweilen richtiggehend rum, bedient sich einer oft bodenständigen Sprache.

Es geschieht, was kriminalromangebunden passieren muss. Der Knabe einer Familie wird vermisst, dann im Bergsee ermordet aufgefunden. Lisa Klee entscheidet sich, die Obduktion zu übernehmen – warum auch immer. Ihr assistiert ein ewig besoffener Polizist aus dem Glarnerland. Es wird genau beschrieben, was missfällt, wie eklig der Geruch des Dauerbetrunkenen ist, wie sich Mitbewohnende des Resorts äussern. Weshalb auf den Beizug auswärtiger Fachleute verzichtet wird, hat wohl mit dem fehlenden Funkkontakt zu tun. Der Weg ins Tal ist nicht ratsam, zu gefährlich wäre das.

Natürlich wird drauflosgeschwatzt, es werden Schuldzuweisungen gemacht, es werden Halbwahrheiten und schlimmste Vermutungen in die Gespräche zu diesem tragischen Ereignis reingenommen. Niemand hat mehr die Übersicht. Einige überbieten sich mit Neuigkeiten, die jeder Sachlichkeit und kriminaltechnischer Logik entbehren. Die Buchautorin rührt in dieser Gerüchtepfanne wacker rum. Ist es ein Unfall oder treibt gar ein Mörder an dieser gottverlassenen, von der Aussenwelt total abgeschnittenen Stätte sein Unwesen?

Es schliesst noch ein – wieder unerklärlicher – Mord an. Wer treibt sich da rum, warum kommt es zu diesen tragischen Geschehen? Es ist nicht bloss Lisa Klee, die sich mit allem beschäftigt. Es sind andere Personen des Resorts, damit auch des kleinen Bergweilers, die sich in Vermutungen überbieten. Gerüchten sind kaum Grenzen gesetzt. Dem Gerede Einhalt zu gebieten, sich auf Fakten zu beschränken, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Lisa Klee wird in ihrem Häuschen mit Namen «Berglimatthüsli» übel bedroht. Später macht sie sich mit einer sogenannt Vertrauten auf eine Bergwanderung und wäre beinahe selber zum Opfer geworden.

Es geht in diesem Kriminalroman wahrlich drunter und drüber. Immer noch ist von Polizei und Kontakten nach aussen rein gar nichts zu lesen. Die einzigen, noch brauchbaren und funktionierenden Funkgeräte sind verschwunden. Hilfe von aussen wird erst mit der Landung des Helikopters möglich, der die Gäste aus dem Resort zurückholen kommt. Erst ab diesem Zeitpunkt können Lisa Klee und andere informieren, Hilfe anfordern.

Es geht bewegend, in wildem Auf und Ab, zu und her. Saskia Gauthier fügt zusammen, was zu dieser zuweilen ungemein wilden Handlung gehört. Wo dieses «Vrenelisgärtli Retreat Village» wirklich ist, spielt keine so grosse Rolle. Dass es zumeist nur mit dem Helikopter erreicht werden kann, ist überdeutlich angemerkt. Dass zum Resort auch ein kleiner Bergweiler mit doch seltsam agierenden Bewohnerinnen und Bewohnern gehört, wird bald einmal klar. Die Therapieangebote haben es in sich: Yoga, Bergwanderungen, Brotbacken und anderes sind im Buch erwähnt.

Die Buchautorin merkte nach der Begrüssung von Christa Pellicciotta, Geschäftsführerin der stadtglarnerischen Kulturbuchhandlung Wortreich, dass sie vor rund zwei Jahrzehnten aus Bayern in die Schweiz gekommen sei. Sie ist am Institut für Rechtsmedizin in Aarau tätig. Die Berge habe sie sehr schätzen gelernt. Mit ihrer Lesung führte sie in geschickter Form durchs Geschehen. Die Lösung des Falls liess sie bewusst offen. Fragen zum Inhalt betrafen schwergewichtig das Obduzieren, die Arbeit der Gerichtsmedizinerin.

An der kleinen, feinen Bar in der Buchhandlung ergaben sich lange Gespräche – zu Kriminalistischem und anderem. So war zu vernehmen, dass beispielsweise am 22. September Bernd Lafrenz mit Shakespearschen Komödien im Wortreich weilen wird.