Verleihung des Anna-Göldi-Menschenrechtspreises an Mariella Mehr

Der von Walter Hauser präsidierte Anna-Göldi-Stiftungsrat – mit starkem und sinngebendem Bezug zum Anna-Göldi-Museum in Ennenda – verlieh den mit 5000 Franken dotierten Menschenrechtspreis zum vierten Mal. Zur Preisübergabe waren die Gäste ins Museum eingeladen. Für ihr hartnäckiges, kraftvolles und mutiges Schaffen geehrt wurde die Journalistin und Schriftstellerin Mariella Mehr, 1947 in Zürich geboren.




Sie gehört der Minderheit der Jenischen an. Sie ist ein Opfer des Hilfswerks für die «Kinder der Landstrasse.» Unbarmherzig, aus heutiger Sicht absolut stossend und unverständlich, wurden die Kinder von Fahrenden damals von ihren Eltern getrennt, zwangsplatziert, in Kinderheimen und zuweilen sogar psychiatrischen Anstalten untergebracht. Was diese Entscheide für Mariella Mehr und viele andere zur Folge hatten, kam mit der einfühlenden, ehrlichen und innigen Laudatio von Barbara Traber, Worb, zum Tragen. Es gab weitere Wortmeldungen durch Regierungsrat Kaspar Becker, Walter Hauser und Museumsleiter Fridolin Elmer und eine abwechslungsreiche, stimmige musikalische Fülle durch die beiden virtuos und gekonnt ausgestaltenden Schwyzerörgelispieler Erich Eicher und Patrick Waser, die sich mit der Mitwirkung in «Unerhört Jenisch» verdiente Bekanntheit geschaffen haben.

Mit der Vergabe des Menschenrechtspreises der Anna-Göldi-Stiftung, so Museumsleiter Fridolin Elmer bei seiner Begrüssung, werde an das wechselvolle und europaweit bekannte Leben der Anna Göldi, das nach Folterungen und Hinrichtung im Jahre 1782 endete, erinnert. 226 Jahre nach dieser fatalen, unverständlichen Justizwillkür wurde sie rehabilitiert. Mit dem Preis wurde das Wirken von 2009 Luzius Wildhaber, zwei Jahre später die konfessionsübergreifende Arbeit der Islamwissenschaftlerin Amira Hafner und – anno 2015 – Turi Honegger für seine Beiträge zum Thema «Verdingkinder» und Ursula Biondi ausgezeichnet. Bezüge zum wechselvollen, tragischen Leben von Anna Göldi – Oper des letzten Hexenprozesses in Europa – bestünden, so Fridolin Elmer.

Neben bereits namentlich Erwähnten, wurde Mariella Mehr spürbar herzlich und mit viel Wertschätzung begrüsst. Eben erst das Spital verlassen, spürte man ihre Erschöpfung. Man vernahm, dass sich Gemeinderat Roland Schubiger, Andreas Schiesser, Barbara Truber, Ursula Biondi, Jürg Zimmerli (Limmat-Verlag) und weitere Gäste eingefunden hatten.

Marielle Mehr – eine Stimme geworden!

Barbara Traber äusserte sich deutlich, löste eine notwendige Betroffenheit aus. Frauen, die schreiben – so ihre Einleitung – seien und leben gefährlich. Mariella Mehr hat mannigfaltige, gravierende und einschneidende Verletzungen von Menschenrechten am eigenen Leib erlebt. Als Journalistin und Schriftstellerin hat sie ihre Stimme laut, kraftvoll urteilend, mahnend und leidenschaftlich erhoben. In früheren geschichtlichen Epochen wäre sie verurteilt und massiv bestraft worden. Schreibende, deren Waffe das Wort ist, gelten in vielen Ländern als gefährlich zu gefährdend.

Das Pro Juventute Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» bezeichnete die Rednerin als «himmeltrauriges Kapitel der Geschichte unseres Landes.» Zigeuner, Mariella Mehr wurde als solche bezeichnet, wurden als Bedrohung, Gefährder, Minderwertige eingestuft. In einem WoZ-Beitrag aus dem Jahr 1982 deutete Mariela Mehr dezidiert an: «Roma heisst Mensch». Sie rüttelte viele wach.

Ihre Jugend war ein Albtraum, eine Leidensgeschichte, die wegen ihrer Häufung von Gewalt und Perspektivlosigkeit unvorstellbar ist – und bleibt. Der als schizophren diagnostizierten Mutter nimmt man das Mädchen unmittelbar nach der Geburt weg. Jahrzehnte später erfährt Mariela Mehr, dass sie ihre Mutter töten wollte – weil sie genau wusste, wie das spätere Schicksal aussehen wird. Diese Erniedrigungen wollte sie dem Kind ersparen! Mariella Mehr wurde bevormundet, weil sie aus einer «degenerierten Vagantenfamilie» stammte. Es folgten Aufenthalte in Pflegefamilien, sechzehn Kinderheimen, drei Erziehungsanstalten, vier psychiatrische Kliniken, Vergewaltigung, Elektroschocks, Schlafkuren, Freiheitsentzug, Demütigungen, Zwangssterilisation, administrative Versorgung im Frauengefängnis Hindelbank. Ihr Sohn wird fremdplatziert.

Ab 1975 setzt sich Mariella Mehr mit ungeheurer Kraft für die Rechte der Roma und der Jenischen ein. Sie zeigt mit riesiger innerer Stärke und Beharrlichkeit auf, dass die Geschichte der «Kinder der Landstrasse» aufgearbeitet werden muss. Sie wird Gründerin der Radgenossenschaft und verfasst ein Bühnenstück. Sie wird massiv angefeindet, wird 1996 von Neonazis mehrmals brutal zusammengeschlagen, reist in die Toskana und bleibt während zwei Jahrzehnten im selbst gewählten «Exil». Ihre schonungslosen, sozialkritischen Reportagen erscheinen unter anderem im TagesAnzeiger und in der WoZ. Ihre Bücher werden publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie arbeitet ihre Vergangenheit auf, lässt viele daran teilhaben, tut die schonungslos, oft schockierend und verstörend. Ihre Offenheit ist unüberhörbar. Sie musste und muss schreiben – so Barbara Traber. Das Schreiben – so die Weiterführung – sei ein Mittel, den Atem vor dem Ersticken zu retten. Sprache ist für Mariella Mehr Brücke zum Leben.1981 erschien ihr Erstling «steinzeit». Es folgten zahlreiche weitere Werke. Vom Film «Anna Göldin – Letzte Hexe» von Gertrud Pinkus und dem gleichnamigen Roman von Eveline Hasler inspiriert, verfasste sie den Text «Vom Sinn der Sinne».

Mariella Mehr wurde mit verdienten Auszeichnungen bedacht. Unter anderem sind das: 1981 – Literaturpreis des Kantons Zürich; Anerkennungspreis der Stadt Zürich, 1995, für das Gesamtwerk; 2016 – Bündner Literaturpreis; 2017 – Anerkennungsgabe der Stadt Zürich für das Gesamtwerk.

Barbara Traber dankte und würdigte das reichhaltige, lesenswerte Schaffen. Mariela Mehr habe einen hohen körperlichen und seelischen Preis bezahlt und viele gar reich beschenkt.

Musikalisch ging es – titelgebunden – über den Klausen, ans Putzen und zu den Jenischen; im letzten Fall so kraftvoll, beseelt, sehnend, lebensfroh, fragend, wirblig, dann wieder verharrend. Erich Eicher und Patrick Waser erhielten ganz grossen Dank.

Die Rede von Regierungsrat Kaspar Becker hatte die Grüsse seiner Behörde, den verständlichen Sinn dieser Preisübergabe, die Frage nach den grossen Ungerechtigkeiten in den Dreissigerjahren, die willkommene Arbeit der Anna-Göldi-Stiftung samt verdientem Dank zum Inhalt.

Walter Hauser wies ausführlich aufs eigene publizistische Schaffen hin. Er erwähnte die Aufgaben und Ziele der Stiftung und würdige Mariella Mehrs Schaffen.

Die Preisübergabe durch Frdolin Elmer und Walter Hauser war kurz, herzlich und würdig, mit Urkunde, Skulptur von Dani Ledergerber. Mariella Mehr dankte und zitierte ein Gedicht, das sie in ihren Unterlagen lange gesucht hatte.

Am Büchertisch der Buchhandlung Baeschlin und beim Apéro wurde wie gewohnt verweilt und ausgiebig «gschprächlet».