Warum nicht Smartphones, sondern Erwachsene gefragt sind

In vielen Schulklassen brauchen heute zehn bis zwölf Kinder besondere Unterstützung – fast die Hälfte. Statt voreilig das Handy zum Hauptschuldigen zu machen, plädiert der Zürcher Entwicklungspädiater Oskar Jenni am Glarner Bildungstag für mehr Gelassenheit: Entscheidend sei, Familien zu entlasten, nicht nur über Verbote zu diskutieren.



Herausforderung und Chance: Kindheit und Jugend heute»: Kinder- und Jugendarzt Oskar Jenni ist am 6. Glarner Bildungstag in der Kantonsschule Glarus zu Gast. (Foto: Tina Wintle)
Herausforderung und Chance: Kindheit und Jugend heute»: Kinder- und Jugendarzt Oskar Jenni ist am 6. Glarner Bildungstag in der Kantonsschule Glarus zu Gast. (Foto: Tina Wintle)

In den Klasssenzimmern zeigt sich ein klares Bild: Immer mehr Kinder brauchen zusätzliche Unterstützung. In einer durchschnittlichen Klasse gibt es rund dreieinhalb Kinder mit einer Lern- und Leistungsstörung, fast drei Kinder mit ADHS oder ADS, knapp zwei mit Sprachentwicklungsstörungen. Dazu kommen meist je ein Kind mit Verhaltensstörung, eines mit kognitiver Beeinträchtigung und eines mit einer Auffälligkeit ohne klare Diagnose. Das sind etwa zehn bis zwölf Kinder pro Klasse. Ein Trend, der international zu beobachten ist.

Glarner Lehrkräfte wollen es hören

Der Glarner Lehrerinnen- und Lehrerverband hat letzte Woche zum sechsten Bildungstag in die Aula der Kantonsschule Glarus eingeladen. 630 Lehrkräfte haben sich angemeldet, «so viele wie noch nie», sagt LGL-Co-Präsidentin Lili Starkermann. Zum diesjährigen Bildungstag ist der Kinder- und Jugendarzt Oskar Jenni eingeladen worden, der zum Thema «Herausforderungen und Chance: Kindheit und Jugend heute» das Hauptreferat hielt und die Zahlen in den Klassenzimmern präsentierte.

Soziale Medien müssen schuld sein

Auffällig ist laut Jenni, dass der starke Anstieg der Diagnosen um 2010 einsetzt. In jener Zeit, als Smartphones und Soziale Medien ihren Durchbruch erlebten. Der naheliegende Schluss: Die Digitalen Medien müssen schuld sein. Oskar Jenni widerspricht: Die Forschung könne einen so einfachen Zusammenhang nicht belegen. Stattdessen wirkten mehrere gesellschaftliche Entwicklungen zusammen – wachsender Druck auf Eltern und Kinder, globale Unsicherheiten und eine veränderte diagnostische Praxis.

Handys sind Symptom, nicht Ursache

«Der Gedanke, das Handy sei an allem schuld, ist verständlich», führt Jenni aus, greife aber zu kurz. Kinder, die sehr viel Zeit mit Bildschirmmedien verbringen, leben häufig in ohnehin belasteten Familien – mit Alleinerziehenden, finanziellen Sorgen, wenig Unterstützung. Dort wird das Handy zum Notnagel: zur Beruhigung, als Ersatz für die fehlende Zeit. «Digitale Medien sind dann eher Symptom als Ursache. Wer sie zum Hauptschuldigen macht, blendet die Belastungen im Hintergrund aus.»

Die Verbotsdebatte lenkt nur ab

Die laute Debatte um Handyverbote vermittelt, mit weniger Bildschirmzeit liessen sich die Probleme der Kinder lösen. Dabei gerät die Realität vieler Eltern aus dem Blick: Überforderung, Vereinbarkeitsstress, Armut, fehlende Betreuung, brüchige soziale Netze. «Statt Mütter und Väter zu stärken, macht man sie rasch zu Schuldigen, weil sie die Mediennutzung nicht im Griff hätten.» So wird über Handys gestritten, während zu wenig darüber gesprochen wird, welche Rahmenbedingungen Familien wirklich brauchen.

Jenni verharmlost digitale Medien nicht. Seine Position ist klar: «Ein Kind braucht in den ersten zehn Jahren kein eigenes Handy.» Anstatt auf Verbote zu setzen, fordert er gestärkte, informierte Eltern, strengere Regulierungen der Plattformen und gute Medienbildung in der Schule.

Drei Hauptursachen für steigende Zahlen

Jenni teilt die Ursachen für die hohen Zahlen aus den Klassenzimmern in «drei Stränge auf». Unsere Gesellschaft ist stark individualistisch geworden. Jede Familie soll «es aus eigener Kraft schaffen». Zugleich haben Tempo, Leistungsdruck und Perfektionismus zugenommen. Fehler werden immer weniger toleriert, «gut genug» reicht kaum noch. Dieser Anspruch überträgt sich auf Kinder. Kinder sind, so Jenni, Seismografen der Gesellschaft – sie reagieren empfindlich auf den Druck, den Erwachsene oft nur diffus spüren.

Hinzu kommt eine wachsende globale Unsicherheit. Krieg, Migration, Klimakrise und technologische Umbrüche prägen den Alltag. Der frühere Zukunftsoptimismus ist ins Wanken geraten. Diese Grundstimmung der Erwachsenen aus Angst und Zweifel erreicht auch Kinder, die die Sorgen der Erwachsenen wahrnehmen.

Schliesslich hat sich unsere Wahrnehmung von Kindern verändert. Heute gibt es mehr Wissen, mehr Sensibilität und mehr Angebote. Lehrpersonen, Eltern und Fachleute schauen genauer hin, Probleme werden früher erkannt. Das führt zu mehr Diagnosen – ohne dass Kinder zwingend «kränker» wären.

«Chill mal» und weitere Chancen

Einfache Lösungen gibt es nicht. Doch es gibt Ansatzpunkte. Jenni warnt die anwesenden Lehrkräfte vor pädagogischer Panik: Kinder brauchen Zuversicht, keine Untergangsszenarien. Lehrpersonen und Eltern sollten Widersprüche und Unsicherheiten aushalten können – das schützt auch sie selbst vor Überforderung. Das viel gehörte «chill mal», das Kinder gerne den Erwachsenen als Antwort auf alles geben, ist auch als kindlicher Tipp zu verstehen: «Vertrauen Sie in die Lern- und Anpassungsfähigkeit von Kindern.» Wichtig bleibt, dass Eltern und Familien entlastet werden. Denn ohne unterstützte Erwachsene wird auch die beste Mediendebatte wenig ändern – und das Handy bleibt Notlösung statt Nebensache. l

Oskar Jennis Podcast «Kompass Kindheit» mit der neusten Ausgabe zum Thema Gamen: Im Gespräch mit einem Kinderarzt, der selber aktiver Gamer ist.