Was läuft falsch in der Schweiz?

Elvana Indergand lebt im Südsinai und in Luchsingen. Kürzlich ist ihr neues Buch «Leben mit 20 Franken im Tag. Der Abstieg des Schweizer Mittelstandes» erschienen. Am 10. Januar liest sie daraus in Glarus.



Früher sprach man von «Working Poor», heute sagt man Einkommensarmut. Gemeint sind Menschen, die voll arbeiten und doch nicht genug zum Leben verdienen. 2004 gab es rund 250 000 Betroffene in der Schweiz. «Man dachte nicht, dass das schlimmer würde. 2018 sind es leider schon 670 000, darunter mehr als 70 000 Kinder. Was läuft falsch in einem der reichsten Länder der Welt? Welches sind die Zusammenhänge und wie erleben es die Betroffenen?», fragt Elvana Indergand aus Luchsingen in ihrem neusten Buch.

Die Poetin ist unterwegs mit Romanen, Gedichten, Reportagen, selbstständige Organisatorin von Abenteuer-Trekkings, Umweltcoach und Flamenco-Tänzerin. Mehr als neun Monate im Jahr lebt sie in einem Dorf am Fuss des Mosesbergs im Südsinai und weiss enorm viel über die Verhältnisse in Ägypten. Sie liebt die Freiheit und ist stets in Bewegung. Aber nicht im Sinne von Herumstressen, sondern im Einklang von Seele und Körper.

Armut als soziale Zeitbombe

In ihrem aktuellen Buch «Leben mit 20 Franken im Tag. Der Abstieg des Schweizer Mittelstandes» legt sie zwölf Lebensgeschichten von Menschen in unserem Land neu auf und ergänzt diese mit pointierten Kommentaren. Es handelt sich vor allem um alleinerziehende Mütter, aber auch um Schweizer- oder Ausländerfamilien sowie um einen alleinstehenden Mann. «Zeitzeugen eines neuen Geschehens, das unter anderem auch mit Globalisierung und Völkerwanderung zu tun hat», so die Autorin.

«Armut ist eine soziale Zeitbombe», betont Silvia Kamm, alt Kantonsrätin der Grünen in Zürich, im Vorwort. Sie werde gut versteckt – unter anderem mit Kleinkrediten und Isolation, was fatale Folgen nach sich ziehe. «Das Geld bleibt ein täglicher Kampf», sagt beispielsweise eine Schweizer Familie auf dem Land. «Ich weiss auch nicht, wo ich noch sparen könnte. Ich leiste mir ja nichts», erzählt eine alleinerziehende Mutter.

Laut Elvana Indergand verzichtet geschätzt jeder Vierte auf freiwillige Sozialhilfe – vor allem auf dem Land aus Angst, sozial geächtet zu werden. «Warum haben Einheimische in diesem Land Angst, zu den Ämtern zu gehen?», fragt sie. Und doppelt nach: «Der Gegensatz von Hilfe für Asylanten und Hilfe für Schweizer Bürger klafft um mehr als die Breite einer Gletscherspalte auseinander. Und da liegt Sprengkraft verborgen.»

Das Nachwort hat alt Ständerat Dr. Theo Maissen verfasst. «Menschliches Sein ist entscheidend von der Frage geprägt: Haben oder Nichthaben», schreibt er. «Wo bleibt da eigentlich die Familienpolitik?»

Einige der Geschichten machen sehr betroffen. Bei anderen kann man teils nicht nachvollziehen, weshalb die Protagonisten so handeln. Beispielsweise bei einer alleinerziehenden Mutter in der Stadt, die als Schweizerin einen Tunesier geheiratet hat und viermal mit ihrer Tochter ins Frauenhaus zieht, ehe sie sich scheiden lässt. Aber auch das ist Realität.

Die Autorin ergänzt die spannenden Geschichten im Anhang mit Adressen von Amts- und privaten Stellen, die Hilfe anbieten. Zudem zeigt sie die Ziele der Sozialhilfe auf.

«WorTTanZ» am 10. Januar in Glarus

Kurz vor Weihnachten kehrt sie vom Sinai ins Glarnerland zurück. Am 10. Januar um 19.15 Uhr liest sie in der Buchhandlung Baeschlin in Glarus unter dem Titel «WorTTanZ» aus ihrem neusten Buch sowie aus «Wüstenwind», einer lyrischen Reportage zur Entwicklung von Sharm-el-Sheik im Sinai der 90er-Jahre. Zudem wird sie einen Flamenco-Tanz darbieten. Die profunde Ägypten-Kennerin beantwortet gerne auch Fragen und wird ihre Bücher auf Wunsch signieren.

Mehr Infos: www.elvanaindergand.com