Weltfinanz, griechischer Mythos und die Figur F.D.

Nach der Beschäftigung mit Friedrich Dürrenmatts Werk „Midas oder Die schwarze Leinwand“ im Rahmen der Maturaarbeit bringen einige Kantischüler das Stück am kommenden Freitag auf die Bühne der Kantonsschule Glarus. Dies ist erst die weltweit zweite Aufführung dieses eigenwilligen Werks überhaupt.




„Die Physiker“, „Der Besuch der alten Dame“ oder „Justiz“ sind die wohl bekanntesten Werke des berühmten Schweizer Autors Friedrich Dürrenmatt. Neben diesen festen Grössen der deutschen Literatur schuf der Berner jedoch eine Reihe weit weniger bekannte Texte, die sich dem Leser oder dem Zuschauer nicht so leicht erschliessen. Im Rahmen der Maturaarbeit wählten einige Kantonsschüler rund um Alissa Cuipers das Stück „Midas oder Die schwarze Leinwand“ einem Spätwerk von Dürrenmatt aus, um es selbst auf die Bühne zu bringen. Die daraus entstandene Aufführung war gleichzeitig die Premiere dieses Werkes auf der Bühne.

Die Lust am Spielen

Nach diesem Erlebnis hat sich in den Schauspielern und Schauspielerinnen der Wunsch und die Lust am Stück weiter verbreitet, so dass sie eine zusätzliche Aufführung in Angriff genommen haben. Am kommenden Freitag präsentieren sie erst zum zweiten Mal „Midas oder Die schwarze Leinwand“ in der Aula der Kantonsschule in Glarus. Man darf gespannt sein, wie sie das sperrige und herausfordernde Stück dem Publikum präsentieren werden.

Spiel mit den Grenzen des Theaters

Im Zentrum des Stücks steht einer „der reichsten Männer der Welt“, Richard Green. Dieser begrüsst das Publikum aus dem Off und erklärt, dass sie die Stimme eines Toten hören. Nach und nach schildert Green in Ausführungen aber auch in gespielten Szenen seine letzten Tage und die Hintergründe seines Todes. Dabei durchbricht Green und auch der Autor immer wieder die Illusion des Publikums und pausiert den Fortgang der Handlung. So erscheint nicht Green selber auf der Bühne – da dieser ja tot ist – sondern ein Schauspieler übernimmt seine Rolle. Ausserdem kann sich Green nicht immer ganz genau an Szenen erinnern oder beschreibt ganz bewusst Handlungen, die er sich in dieser Situation vorgestellt hat. Wenn Green und der Schauspieler schliesslich mit dem Autor F.D. über einzelne Szenen und den Fortgang des Stücks diskutieren, sind die Grenzen und Formen eines normalen Theaterstücks gänzlich gesprengt.

Ein etwas anderer und doch typischer Dürrenmatt

Gegenüber seinen bekanntesten Stücken wie „Der Besuch der alten Dame“ oder die „Die Physiker“ stellt sich „Midas“ als gänzlich andere Art des Theaters dar und es ist kaum nachvollziehbar, dass alle drei Werke vom gleichen Autor geschrieben wurden. Wenn man jedoch die Biographie von Dürrenmatt in diese Überlegungen mit hineinzieht, passt Midas in die Gedankenwelt Dürrenmatt, vor allem in seinen späteren Werken.

Mit den Physikern und der alten Dame stand Dürrenmatt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seines dramatischen Schaffens; sogar der Literatur Nobelpreis schien greifbar zu sein. Danach folgte mit „Der Mitmacher“ sein grösster Misserfolg. Das Stück fiel beim Publikum und den Kritikern durch und Dürrenmatt verabschiedete sich vom Theater. Ganz konnte er sich dem Theater auch in den weiteren Jahren nicht entziehen, jedoch verfasste er nicht mehr die grossen Stücke sonder arbeitete mehr an Übungsstücken für Schaupieler – wie Achterloo – oder auch an reinen Experimenten, in welchen er seine dramaturgischen, philosophischen und ethnischen Theorien und Ansätze verarbeitete.

So finden sich auch in Midas viele Themen, die Dürrenmatt auch in weiteren seiner Stoffe bearbeitete. Neben der häufig zu findenden Weltwirtschaft, findet sich in diesem Stück auch die Auseinandersetzung mit einem antiken Mythos – Midas – der Darstellbarkeit der Welt und der Aufgaben und Möglichkeiten des Theaters. Das Stück gibt so einen tiefen und schillernden Einblick in die Gedankengänge eines der grössten literarischen Talente, welche dieses Land bisher hervorgebracht hat.

Die Aufführung „Midas oder Die schwarze Leinwand“ in der Inszenierung von Alissa Cuipers findet am Freitag, 28. März 2008 um 20.00 Uhr in der Aula der Kantonsschule Glarus statt.