Wenn Mauern inspirieren

Die Kirchgemeinde Kerenzen feierte bei besten Bedingungen und rekordverdächtiger Beteiligung ihren Alpgottesdienst hoch über Obstalden. Eine eingestürzte Mauer wurde zum Roten Faden.




Wenn oben unter der Mürtschenwand 29 Gämsen übermütig im letzten Schneefeld herumtollen, dann muss in Sichtweite etwas ganz Besonderes los sein. Und tatsächlich: Kaum je haben Postauto und Kleintaxis mehr Menschen auf die Alp Altstafel ob Obstalden zum Gottesdienst gefahren als am letzten Sonntag. Begrüsst wurden sie durch urige Klänge der Alphornbläser Res Menzi und Helmut Fritschi («Duo Mürtschen»); stramm standen die beiden unter der wehenden Schweizer Fahne. Die grosse Alphütte, originell, liebevoll (Vorhänge!) und heimelig durchs «OK Alpgadäfest» hergerichtet, vermochte die 200 «Kuhstall-Gänger» kaum zu fassen.

Lüpfig und leicht das E-Piano von Organistin Susanne Brenner Scheiwiller, froh und Mut machend der Eingangsvers von Pfarrerin Annemarie Pfiffner: «Freuet euch im Herrn allezeit» (Philipperbrief 5, 4-5)! Einfühlsam und ergreifend die vollen Stimmen des Jodelclubs Niederurnen.

In ihrer Predigt nahm Pfarrerin A. Pfiffner den kürzlichen Einsturz einer Gartenmauer im Pfarrgarten zum Anlass, den aufmerksamen Zuhörern Psalm 18, Vers 30 zu erhellen: «Mit dir, meinem Gott, überspringe ich Mauern.» Sichtbare und unsichtbare Mauern bestimmen oft unser Leben. Sichtbare können uns schützen, stützen, isolieren, trennen, hindern. Unsichtbare tragen die Namen «Hass», «Neid», «Angst», «Rechthaberei», «Schwermut», «Misstrauen», «Krieg».

Wie denken wir über Menschen, die wie König David «mit seinem Gott Mauern überspringt»? Wie denkt Herr Sachlicher, wie Frau Kleinmut, wie das Ehepaar Glücksschmied, wie Herr Knallhart über solche Sprüche? Sie belächeln diese, nehmen sie nicht ernst. David jedoch spricht diesen Satz trotz tiefster Verzweiflung, trotz drohenden Todesstricken. Trenn-Mauern werden bei ihm zu Klagemauern, er hält an Gott wider alle Vernunft fest. Die Mauern sind nicht weg, aber im Vertrauen ergreift er Gottes Hand und wagt das Abenteuer des Sprungs. Und David jubelt: «Rings um mich machte er es weit und frei. Er liebt mich, darum half er mir.»

Das Psalmwort ist kein Zauberwort, es bezeugt, welche Kraft bei Gott ist. Und voller Freude lässt sich an Gottes Hand noch besser springen. Da passte das Schlusslied «Danket dem Herren» bestens.

Und nach dem Amen spürte man diese Freude beim Würste-Schmaus der Grossen, in der Hüpfburg bei den Kleinen, in den Klängen des Trios Älplergmuet, im Wedeln der Hunde, beim Genuss von Kuchen und Glaces, beim originellen Kuhfladen-Lotto und bei den immer noch unermüdlich herumrutschenden Gämsen oben im Schnee.