«Wo ist denn das Virus, ich sehe es nicht»

Der Exil-Netstaler Alois Speck hatte vor wenigen Tagen in den Medien die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Ecuadors Hafenstadt Guayaquil eindrücklich geschildert. Sein ältester Sohn Alois informierte mich topaktuell am Ostersonntag ebenfalls über Skype über die Situation in anderen Provinzen, vor allem über jene in der Provinz Pinchincha und in Ecuadors Hauptstadt Quito, wo das Corona-Virus ungebremst sein zerstörerisches Werk verrichtet.



Aus Quito, genauer gesagt aus Cumbayá, schildert mein Neffe Alois, ältester Sohn meines Bruders Alois Speck, von dem wir kürzlich einen ersten Situationsbericht aus der Hafenstadt Guayaquil bekamen, die aktuelle Situation bezüglich Corona-Virus in Ecuador, Stand vom Ostersonntag, 12. April 2020. Cumbayá ist ein Vorort nordöstlich der Stadt Quito in der Provinz Pinchincha und liegt auf einer Höhe von 2360 Meter ü. M. Mein Neffe arbeitet dort seit vielen Jahren als bekannter Fotograf, Autor verschiedener Fotobücher über Ecuador und die Galapagos-Inseln, Organisator von Trekking- und Bergtouren und als staatlich anerkannter Reise-Guide. Bis 1998 war er als diplomierter Lebensmittelingenieur ETHZ für den Nestlé-Konzern tätig. Er ist verheiratet mit Paula und sie haben zwei Töchter namens Nicole und Michelle sowie einen Sohn Philipp und eine Schwiegertochter Steffi. Alle vier arbeiten bzw. studieren in der Schweiz und blicken wegen dem Corona-Virus tagtäglich auf die Geschehnisse in ihrem Heimatland Ecuador.

Das Corona-Virus und sein zerstörerisches Werk

Täglich erreichen uns Meldungen aus der ganzen Welt von der grassierenden Corona-Pandemie und deren Auswirkungen. Vor allem über die sozialen Netzwerke erreichen uns schreckliche, kaum ertragbare Bilder, welche nicht immer die tatsächlichen Geschehnisse widerspiegeln. Deutlicher wird die Wirklichkeit, wenn wir mit jemandem sprechen, der die Auswirkungen und den Verlauf der Virus-Infektion Covid-19 in Ecuador zurzeit hautnah miterlebt. Mein Neffe Alois Junior informierte mich topaktuell am Ostersonntag über Skype über die aktuelle Situation in Ecuador, vor allem über jene in der Provinz Pinchincha und in Ecuadors Hauptstadt Quito. Er hat mir eindrücklich die folgende Situation geschildert.

Die meisten Todesfälle in Südamerika

Ecuador ist nach Brasilien und Chile das Land mit den meisten Todesfällen in Südamerika und ganz speziell die Hafenstadt Guayaquil ist zu einem eigentlichen Zentrum der Corona-Pandemie geworden. Hier wurden bis dato rund 70 Prozent aller Fälle registriert. Aus Angst vor Ansteckung schlossen dort viele Beerdigungsinstitute und es kam vorübergehend zu einem Stau bei der Bergung der Leichen, so dass diese über Tage in den Häusern oder Garagen, ein paar wenige sogar neben der Strasse, abgelegt wurden. Da die Preise für Holzsärge durch die erhöhte Nachfrage stark gestiegen waren, spendete eine Kartonfirma für die bedürftigen Leute 2000 Särge aus Karton, da durch den Ausnahmezustand ohnehin alle Toten kremiert werden.

Die aktuelle Situation an Ostern in Ecuador

Gemessen an der Bevölkerung (ca. 17 Mio.) steht Ecuador wegen der Corona-Pandemie am schlechtesten aller südamerikanischen Staaten da. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Ecuadorianer in Spanien und Italien arbeiten und beim Besuch in Ecuador das neue Corona-Virus eingeschleppt haben. Mitte März wurden deshalb die internationalen Flüge und der ÖV (fast komplett) eingestellt, die Landes- und Provinzgrenzen geschlossen und Ausgangssperren verhängt. Das Gesundheitsamt konnte in den ersten Wochen nur 400 Tests täglich auf das neue Corona-Virus vornehmen. Es wurde kritisiert, dass die geringe Anzahl Tests auf eine grosse Dunkelziffer an Infizierten schliessen lasse. Dank der Schweizer Regierung und der Firma Roche verfügt Ecuador seit letzter Woche über eine moderne erstklassige Plattform für Molekulardiagnostik, mit der täglich 1440 zusätzliche Tests zusätzlich durchgeführt werden können. Je mehr getestet wird, desto zuverlässiger die Zahlen der tatsächlich Infizierten. Der erste COVID-19-Fall wurde am 29. Februar 2020 gemeldet. Am Ostersonntag, also 6 Wochen danach, gab der Gesundheitsminister Carlos Zevallos bekannt, dass sich die Zahl der bisher durchgeführten Tests auf SARS-CoV-2 auf insgesamt 23 635 beläuft. 7466 Tests fielen positiv aus. Zirka 74% betreffen die Provinz Guayas und 8% die Provinz Pichincha. Die 6267 positiv getesteten Personen befinden sich in der Zwangsquarantäne zu Hause und 365 im Spital, davon 169 auf der Intensivstation. 501 Patienten konnten als geheilt aus dem Spital entlassen werden. Bestätigte Todesfälle gibt es 333. In Ecuador stehen landesweit 27 Spitäler bereit, um Covid-19-Patienten zu behandeln. 561 Einwohner der 3-Millionen-Metropole Quito sind bisher positiv getestet worden, deswegen ist die Spitalkapazität noch intakt. Die Regierung gibt ihr Bestes und versucht alles, um die Bevölkerung über die Verbreitung des neuen Corona-Virus aufzuklären und die richtigen Schutzmassnahmen zur Eindämmung umzusetzen. Zusätzlich muss sie sich mit Politikern der Opposition auseinandersetzen, die «Fake News» über die sozialen Medien verbreiten und damit die Bevölkerung in Panik versetzen.

Soziales Leben spielt in Ecuador eine wichtige Rolle

Bekanntlich spielt das soziale Leben in Ecuador eine ganz wichtige Rolle. Die Leute treffen sich, umarmen sich und infizieren sich gleichzeitig, so traurig das tönt. Ein Grossteil der Bevölkerung kommt aus sehr einfachen Verhältnissen und verfügt nur über eine minimale Schulbildung. Deshalb verstehen sie nicht, wie ein Virus einen Menschen infizieren kann. Wenn die Polizei und das Militär die Leute auf die Schutzmassnahmen hinweisen, fragen diese zurück: «Ja, wo ist denn das Virus? Ich sehe es nicht!» Die Massnahmen in Ecuador sind härter als in der Schweiz: eine strenge Ausgangssperre, obligatorisches Tragen einer Schutzmaske und das A und O der ganzen Schutzmassnahmen, unbedingt zwei Meter Abstand einhalten. Ecuador war übrigens eines der ersten Länder weltweit, welches eine Ausgangssperre verordnet hat, und zwar, sobald die Regierung unter Präsident Lenin Moreno gemerkt hat, dass die Leute nicht begreifen, dass sie sich anders verhalten müssen als gewohnt.

Strenge Verordnungen und drastische Bussen

Seit 4 Wochen leben wir mit einer Ausgangssperre, die von Woche zu Woche verschärft wurde. Diese dauert nun von nachmittags 14 Uhr bis anderntags morgens um 5 Uhr und wird durch die Polizei und das Militär streng kontrolliert, auch mit dem Einsatz von Helikoptern und Drohnen, um Menschenansammlungen sofort ausfindig zu machen. Bei Nichteinhaltung gibt es drastische Strafen: beim ersten Mal 100.– USD, beim zweiten Mal 400.– USD und beim dritten Mal Gefängnis.

Einkaufen hängt von der Autonummer ab

Seit letztem Montag dürfen wir nur noch einmal pro Woche mit dem Auto zum Einkaufen in den Supermarkt, zur Apotheke oder zur Bank zu fahren, zwischen 05.00 und 14.00 Uhr. Wer an welchem Tag fahren darf, wird über die Endziffer des Autokennzeichens folgendermassen geregelt: Mit den Endziffern 1 und 2 am Montag, 3 und 4 am Dienstag, 5 und 6 am Mittwoch, 7 und 8 am Donnerstag, 9 und 0 am Freitag, am Wochenende gar nicht. Diese Regelung betrifft das ganze Land, Ausnahmen werden per Passierschein für das medizinische Personal, für die Presse, für die Lebensmittelbranche usw. online ausgestellt. Skrupellose Menschen haben versucht, solche Passierscheine zu fälschen und merkten nicht, dass der QR-Code mit seinen spezifischen Informationen sie sofort auffliegen lässt. Inzwischen wurden bereits über 5000 Leute gebüsst und über 1000 Autos konfisziert.

Ich und meine Frau Paula verfolgen regelmässig im Internet die Pressemitteilungen des Bundesrates und sind über das Vorgehen in der Schweiz bestens informiert. Meine Familie in Ecuador und in der Schweiz weiss, dass nur die strikte Einhaltung der Verordnungen die Virusübertragung eindämmen kann. Uns ist aber auch bewusst, dass hier in Ecuador gerade wegen der Mentalität der Bevölkerung die Einhaltung der Vorgaben eine grosse Herausforderung ist.