Wo Kalk aus Netstal zur Anwendung kommt

Die Überbauungspläne für die Gebiete Elggis Süd und Gründen der Kalkfabrik Netstal kommen am 27. November an die Gemeindeversammlung. Das Erweiterungsprojekt Elggis Süd wird benötigt, um auch in den kommenden Jahrzehnten Kalk in Netstal abbauen zu können. Aus diesem Anlass lohnt sich ein vertiefter Blick auf das Naturprodukt Kalk und seine vielfältigen Anwendungsgebiete.



Beim Rohstoff Kalk kommt einem vermutlich zuerst die Baubranche in den Sinn. Tatsächlich wird Kalk schon seit Tausenden von Jahren als Mörtel eingesetzt. Doch die heutigen Anwendungen sind zahlreich und umfassen alle unsere Lebensbereiche:

Kalk – so wichtig wie unser tägliches Brot

Kalk begleitet uns durch den ganzen Tag: Schon morgens im Badezimmer finden wir ihn in Form von feinstem Calciumcarbonat und Calciumphosphat in Zahnpasta und Tabletten. Auch Seife, Toilettenpapier, Kosmetikartikel und der Putz an der Wand enthalten Kalk. Die Lederschuhe, die wir anziehen, wurden ebenfalls unter Einsatz von Kalk produziert.

Das Auto oder das Velo, mit dem wir anschliessend zur Arbeit fahren, würde ohne Kalk nicht existieren. Denn Kalk wird für die Herstellung von Stahl, Glas, Kunststoff und Gummi in irgendeiner Form benötigt. Die Strassen, auf denen wir fahren und die Häuser, in denen wir leben, werden unter Verwendung von Kalk gebaut. An unserem Arbeitsplatz begegnet uns Kalk in Rechner, Tastatur, Maus, Kugelschreiber, Notizblock und vielem mehr. Denn auch Papier und Kunststoffe enthalten Kalk oder werden mit dessen Hilfe produziert.

In Polyvinylchlorid (PVC) wirkt zum Beispiel heute Calciumstearat als Hitzestabilisator. Bis vor nicht allzu langer Zeit war hier noch Bleistearat gängig. Ein ungefährliches Kalkmaterial ersetzt damit ein giftiges Bleisalz. Blei und seine anorganischen Verbindungen sind als «krebserzeugend im Tierversuch» eingestuft.

Höchste Reinheitsstufe für den Einsatz in Lebensmitteln

Insbesondere für die Herstellung und Weiterverarbeitung von diversen Lebensmitteln ist Kalk unverzichtbar: Mit Kalkprodukten aus Netstal werden Salz und Zucker gereinigt sowie hochwertige Lactose und Molke hergestellt. Kalk kommt zum Einsatz bei der Herstellung von Bier, Wein, Säften und Backmitteln sowie Speisegelatine. Bei Quarkerzeugnissen reguliert er den Säuregehalt. Maismehl wird durch die Behandlung mit gelöschtem Kalk aufgeschlossen, damit wird es backbar und die enthaltenen Vitamine werden besser verwertbar («Nixtamalisation»). Auch um Trinkwasser zu enthärten wird oft Kalk benötigt. Der Einsatz in Lebensmitteln erfordert ein Höchstmass an Reinheit des Kalkes.

Die Reinheitsanforderungen sind sowohl in Schweizer als auch in europäischen Verordnungen gesetzlich geregelt. Um diese Anforderungen zu erfüllen, ist ein extrem reiner Rohstoff unabdingbar. Sämtliche Verunreinigungen, für welche Grenzwerte aufgeführt werden, bestehen aus bedenklichen Mineralien, die man industriell nicht aus dem Produkt entfernen kann. Die KFN ist das einzige Kalkwerk in Europa, das eine FSSC-22000-Zertifizierung für die Herstellung von Zusatzstoffen für den Einsatz in Lebens- und Futtermittel besitzt. Der dazu benötigte Weisskalk wird in der Schweiz nur in Netstal hergestellt und sucht mit seiner Reinheit seinesgleichen. Viele hochwertige Calciumsalze, die in Europa, inzwischen sogar weltweit, hergestellt werden, basieren auf Kalkprodukten aus dem Glarnerland. Mittlerweile werden darüber hinaus auch Firmen im Pharmabereich beliefert, die noch deutlich höhere Qualitätsanforderungen stellen als bei Lebens- und Futtermitteln üblich.

Eine weitere Anwendung ist die Herstellung von Kunstdärmen. Das hierzu benötigte Collagen wird in einem alkalischen Prozess aus Rinderhäuten gewonnen. Das fertige Produkt sind Wursthüllen. Auch hier gelten Lebensmittelanforderungen.

Kalk im Einsatz für die Natur

Ein grosser Anteil der Kalkproduktion kommt direkt wieder der Natur zugute: Kalk neutralisiert saure Böden und wird als natürlicher Dünger eingesetzt. Er desinfiziert Ställe und sorgt als Futterkalk für den gesunden Knochenaufbau. Eine besonders wichtige Rolle spielt Kalk im Umweltschutz, wo er für reine Luft und sauberes Wasser sorgt: In Verbrennungsanlagen (Kehricht-/Sondermüll- und Klärschlammverbrennungsanlagen) müssen heute saure Schadstoffe aus Rauchgasen sowie Schwermetalle aus Abwässern entfernt werden. In den meisten Schweizer Anlagen wird hierzu Kalk verwendet, oft der aus Netstal. Zudem unterstützt Kalk die Aufhärtung in Abwasserreinigungsanlagen und enthärtet Industriewasser. Dies gilt ebenso für zu hartes Brauwasser: Es wird durch eine Kalkbehandlung weicher und damit verbessert sich der Geschmack des Bieres.

Der Grundstoff Calciumhydroxid wirkt als Repellent gegen die Kirschessigfliege im Weinbau und als Fungizid gegen Obstbaumkrebs. Auch hier ist natürlich die Lebensmittelreinheit gefordert. Am Schluss der Verwendung verwandelt sich das Ausgangsprodukt schliesslich wieder in Calciumcarbonat, das als natürlicher Kalkdünger wirkt. Hier wird der Einsatz synthetischer Mittel und ihrer Rückstände in der Natur umweltfreundlich verringert.

Auch in einigen Papierfabriken wird Netstaler Kalk genutzt. Dort dient er als relativ preisgünstige Base und ersetzt die ätzende Natronlauge. Die meisten Papierhersteller produzieren ihr Papier heute aus Recyclingfaser. Dabei wird eine eher saure Pulpe erzeugt, die neutralisiert werden muss. Oft soll für Lebensmittel geeignetes Verpackungspapier bzw. Karton entstehen. Auch dies ist ein Grund für die Verwendung von höchstwertigem Kalk aus Netstal.

Kalk aus Netstal ist also ein Naturtalent, ohne das vieles unmöglich wäre. Und Kalk ist unverzichtbar für unser Leben, auch wenn wir das in unserem Alltag selten merken.

Was genau ist Kalk?

Unter Kalk im weitesten Sinne versteht man die natürlichen Gesteinsvorkommen von Calciumcarbonat: Kalkstein, Marmor und Kreide. Auch Dolomitstein kann im weiteren Sinn als Kalkgestein bezeichnet werden. Veredelte Kalkprodukte sind gebrannter und gelöschter Kalk, die industriell gewonnen werden. Erhitzt man Kalkstein (Calciumcarbonat CaCO3) auf über 900°C, entweicht die Kohlensäure (CO2) und es entsteht Calciumoxid (CaO), der sogenannte Branntkalk. Dieser wird anschliessend in diverse Feinheitsgrade gemahlen und weiterverarbeitet.

Ein Teil des gewonnenen Calciumoxids wird mit Wasser «gelöscht». Die chemische Reaktion ist derart stark, dass die Mischung von selbst zu kochen beginnt. Daraus entsteht Löschkalk. Ein Teil des Wassers verdampft, ein weiterer wird im Calciumhydroxid fest gebunden. Hierzu wird in Netstal Grundwasser mit Trinkwasserqualität verwendet: Ein zusätzliches Qualitätsmerkmal, wenn es um den Einsatz in Lebens- und Futtermitteln geht.

In vielen Anwendungen, z.B. bei der Putzherstellung und der Bodenstabilisierung, wird vom Brannt- bzw. Löschkalk im Lauf der Zeit wieder Kohlensäure aus der Luft gebunden. Es entsteht Calciumcarbonat, also ein überall ohnehin vorhandenes Produkt. In der Rauchgas- und Abwasserreinigung werden Säuren gebunden, die noch wesentlich bedenklicher sind als Kohlensäure.

*Edi Huber ist Pressebeauftragter der Glarner Handelskammer