Zeitzeuge Oberleutnant Thomas Legler

Der Oberleutnantsgrad pflegt kaum jemals zu einem festen Namensbestandteil (wie z.B. „General“) zu werden; aber in unserer Erinnerung hat der Oberleutnant Thomas Leger aus Diesbach seinen festen Platz, und sofort denken wir bei der Nennung seines Namens auch ans Beresinalied. Er hat es zusammen mit andern Schweizer Offizieren am Ufer der Beresina gesungen, wo 1812 die Schweizer den Rückzug der von den Russen geschlagenen „Grande Armée“ Napoleons decken mussten.



„Unser Leben gleicht der Reise“ : mit diesen Worten beginnt das Beresinalied von Thomas Legler (Bild: Archiv) Oberleutnant Thomas Legler (Postkartenbild)
„Unser Leben gleicht der Reise“ : mit diesen Worten beginnt das Beresinalied von Thomas Legler (Bild: Archiv) Oberleutnant Thomas Legler (Postkartenbild)

Der Hausherr des Thomas-Legler-Hauses in Diesbach, Prof. Dr. Hans-Jakob Streiff, Glarus, früherer Kommandant der Reduit-Brigade 24, hat am Bettagsamstag im Rittersaal der Freulerpalastes auf Einladung der von Martin Laupper, Näfels, präsidierten General-Bachmann-Gesellschaft, das Leben von Oberleutnant Legler unter dem Titel „Oberleutnant Thomas Legler - Teilhaber am Glanz und Elend Napoleons“ umfassend und temperamentvoll dargestellt und den Zuhörern, unter ihnen Regierungsrat Dr. Andrea Bettiga und Architekt Dr. h.c. Jakob Zweifel, ein umfassendes Bild der damaligen Zeit und vor allem natürlich des Russlandfeldzuges vermittelt.

Relativierungen

Streiff relativierte dabei auch überkommene Geschichtsbilder, etwa dasjenige über den Brand von Moskau, der nicht die später angewandte russisch/sowjetische Kriegstaktik der verbrannten Erde begründet haben dürfte, sondern eher zufällig ausbrach, worauf dann ein Sturm die mehrheitlich aus Holzhäusern gebaute Stadt grösstenteils vernichtete. Und Streiff schrieb die hohen Verluste der Franzosen, die vor Moskau kehrt machten, nicht in erster Linie dem eisigen Winter zu, denn der Rückzug war schon ein Monat vor dem Kälteeinbruch angetreten worden. Er gab zu bedenken, dass das französische Heer mit seinen 600 000 Mann für damalige Verhältnisse viel zu gross war, weil die Verbindungen nur über Meldreiter zu bewerkstelligen waren, und ausserdem hatte Napoleon dem Nachschub keine Beachtung geschenkt. Logistische Mängel waren, rund 130 Jahre später, auch den Deutschen im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis geworden. Zudem war Napoleon offenbar gesundheitlich angeschlagen und unentschlossen.

Das französische Heer litt auch unter seuchenähnlichen Krankheiten wie Ruhr und dem besonders tödlichen Fleckfieber, wie neuere Forschungen erzeigen.

Kadett - Leutnant - Oberleutnant

Thomas Legler (1782-1835) entstammte einer kinderreichen Familie. Der Grossvater, Onkels und Cousins hatten wichtige Ämter inne. Sein Vater starb schon ein Jahr nach seiner Geburt. Die Mutter zog nach Chur, wo Thomas die Schulen besuchte. Die wirtschaftliche Situation war damals allgemein schlecht, so dass jungen Leuten oft nur die militärische Laufbahn oder die Auswanderung offen stand. Mit 17 Jahren wurde Legler, nach dem Besuch der Kadettenschule in Bern, Unterleutnant der dritten Helvetischen Halbbrigade, die für Frankreich Dienst leisten musste und dann in ein Schweizer Regiment aufging. 1803 wurde Legler Oberleutnant und marschierte mit dem zweiten französischen Korps unter Marschall Oudinot in Russland ein. Oudinot schützte die linke Flanke der Grande Armée, die am 14. September 1812 in Moskau anlangte. Sie hatte bereits erhebliche Verluste erlitten und vor allem grosse Teile ihrer Kavallerie verloren.

Erbarmungswürdiger Zustand

Am 19. Oktober entschloss sich Napoleon zum Rückzug, nachdem er volle 34 Tage mehr oder weniger untätig in Moskau verbracht hatte, derweil die Russen aufrüsteten. Dieser Rückzug dauerte Wochen, und die Grande Armée geriet mehr und mehr in einen erbarmungswürdigen Zustand, wie wir bereits festgehalten haben. Zwischen dem 26. und 28. November überquerte die Armee auf zwei Notbrücken die Beresina. Die Grande Armée war inzwischen von 600 000 auf 49 000 Man geschrumpft.

Die Russen griffen den Beresina-Brückenkopf von zwei Seiten an, scheiterten aber am unerschütterlichen Widerstand der beiden französischen Korps Oudinot und Victor, die vom Rückzug aus Moskau lange gar nichts erfahren hatten und höchst erstaunt waren, dass am 24. November Napoleon an der Beresina auftauchte, offenbar, um einen Übergang zu finden.

Das Beresinalied

Mitten im Kampfgeschehen, das heisst unmittelbar vor der Entscheidungsschlacht um den Brückenkopf am 28. November, in welcher die Schweizer erfolgreich waren - wobei 1000 der 1300 Mann fielen - stimmte Oberleutnant Legler auf Bitte seines Bataillonskommandanten Blattmann „Unser Leben gleicht der Reise“ an, womit die viertletzte Strophe des Gedichtes „Die Nachtreise“ begann. (Otto von Greyerz hat das Lied 1908 in die Liedersammlung „im Röseligarten“ aufgenommen und Hanns in der Gand gab ihm zur Zeit des Ersten Weltkriegs den Namen „Beresinalied“. Wir singen heute nur die vier letzten Strophen, die weitaus besten in der „Nachtreise“. Die Melodie stammt von Johann Immanuel Müller [1774-1839]; er kannte das Gedicht unter dem Namen „Muth“.)

Thomas Legler hat diese Szene in seinen „Denkwürdigkeiten aus dem russischen Feldzuge von 1812“ festgehalten. Sie sind im Jahrbuch Nr. 4, 1868, des Historischen Vereins des Kantons Glarus gedruckt worden. Herausgeber war sein Sohn Gottlieb Heinrich, 1863-1897 Linthingenieur, der den Escherkanal in den Walensee hinaus verlängert hat.

Die Denkwürdigkeiten enthalten unzählige Details über den Kriegszug und das höchst beschwerliche Leben der Truppen in zum Teil dramatischen Worten.

Leglers weitere Karriere

Nun, Legler überlebte unter grössten Strapazen den Russland-Feldzug, war dann 1815 Bataillonskommandant unter General Bachmann, und trat mit Unterstützung der Glarner Behörden in ein holländisches Regiment als Hauptmann ein. 1828 wurde er Major und Bataillonskommandant; zuletzt war er Grossmajor. Er kämpfte für die Holländer gegen die Belgier, die sich 1830 aus dem durch den Wiener Kongress geschaffenen Vereinigen Königreich der Niederland loslösten. (Der nachmalige Linthingenieur Gottlieb Heinrich erblickte übrigens 1823 im heute belgischen Antwerpen das Licht der Welt.)

Streiff zitierte auch aus Briefen speziell von Vorgesetzten, die Legler als sehr guten, vorbildlichen Truppenführer erscheinen lassen. Er war ganz offensichtlich ein begeisterter Militär, der sich eine andere Tätigkeit gar nicht vorstellen konnte