Was versteckt sich hinter dem Ausdruck «schwäfu – ein stilles Glück»? Restlos wurde diese Frage nie beantwortet – das spielte auch gar keine Rolle. Die auf der Bühne sichtbaren Instrumente, überragt von einem fast antiken, stoffbezogenen Sessel, deuteten vorerst auf Vielseitigkeit hin, waren doch Tuba, Schlagzeug, Akkordeon, Melodika, Ukulele, Banjo, Trompete und anderes sichtbar. Das musste ja auch im Zusammenklang oder einzelnen «in Betrieb» gesetzt werden. Es betrat der drahtige, quirlige, putzmuntere Jegerlehner die Bühne, sich und Schertenleib unüberhörbar ankündigend, und damit es alle definitiv begriffen, verinnerlichten, grad mehrmals. Schuld an diesem Wiederholen hatte auch Schertenleib, der irgendwo, aber nicht auf der Bühne war. Jegerlehner deutete aus, wie gut Schertenleib sei, wie sich der auskenne, wie der den Rhythmus im Blut habe. Aber das kann erst bewiesen werden, wenn der Akteur die «Bretter der Welt» – eben die Bühne – betritt. Und dann gings los, Schertenleib tanzte sich fast besinnungs- und atemlos. Jegerlehner mahnte, sich zu schonen. Und dann brach ein Feuerwerk an Wortwitz, hoher gesanglicher Kunst, Stilsicherheit in Almjodlern, Cha-Cha-Cha, Tango, rhythmisch zuweilen rasantem Wechsel, Lieblichem, Derbem, fast Nobelpreis-würdiger Dichtkunst los. Die Dichtheit der Reime, deren innige Bezüge zu sinnlichem und unsinnigem Leben – vor nichts wurde Halt gemacht. Jegerlehner und Schertenleib wiesen schon melodiös, beschwingt, mit Ironie und leiser Frechheit darauf hin, dass sie alles seien, Hebammenchor, Hardcore, Kahn, Käferhinterteil, Flammenwerfer und Feuerlöscher. Und so zwischendurch erfuhr man, dass Schertenleib in seiner Jugend so brav gewesen sei und auch als Erwachsener nie was klaue, ja zurückbringe, was einfach so mitgelaufen sei – natürlich mit Entschuldigung und Geschenk. Das Hervorheben der Tatsache, dass Riemenböden nie mit Hagebuttenöl zu behandeln seien, leuchtete ein – der Trocknungsprozess dauere so lange, dass man auch Tage später noch gut sichtbare Fingerspuren hinlegen könne. Und wenig später erfuhr der faszinierte Zuhörer – in Näfels waren es nicht wenige – dass man nur über den eigenen Schatten springen soll, wenn man sich den Grind auch verbrennen wolle, man lande gewiss in der Sonne. Auf «Blues» reimt sich «Muus» – aber bis dieses Wort ausformuliert war, dauerte es bluesgerecht lange. Schertenleib verinnerlichte sich den Blues derart, dass Jegerlehners Löffeltherapie grad recht kam. Sie sei zuerst an Tieren ausprobiert worden, ein Pferd sei nach dieser spiritistischen SéanceArtikel grad rübergeschlafen. Es waren nicht nur die angekündigten «Auftragswerke», die einen hohen Unterhaltungswert hatten, es war die Gesamtheit und kreative Fülle aller Sequenzen, die begeisterte, zu grosser Heiterkeit führte. Die beiden Berner machen sich nie über irgendwelche Auffälligkeiten in Zwischenmenschlichem lustig, dazu sind sie einfach zu clever. Sie sind intelligent, um das auf die Schippe zu nehmen, das beispielsweise in Nonsens Reimen oder dümmlichem Alltag enthalten ist. Sie rücken ihr Vermuten, Fragen und Deuten so liebenswürdig in den musikalischen Mittelpunkt, mit Tanz, Rhythmus, reichem Einsatz der Instrumente, dass Staunen und freudige Anteilnahme bei den Hinhörenden aufkommt. Das manifestiert sich im Sinnieren über die Liebe, die wie ein Halbtaxabo oder GA, wie Monarchie sei, die reine Liebe – so die Ausdeutenden – sei Anarchie, Revolution. Und wenn die beiden in derartigen Bühnensituationen ineinander reden, argumentieren, fast nicht zum Schluss kommen, wachsen wieder Staunen und vergnügliches Hinhören. Und so geht es mit dem Muh – Kuh – Jodel, dem Staubsaugern eines Hochsitzes vor der Hirschjagd (auch wenn Schertenleib bloss das Fischerpatent besitzt) mit solistischen Einlagen, Tanz, Gesang in die Trichteröffnung der Tuba, mit Ferse und Verse, Gedicht und Geh – dicht, unmögliches Umsetzen von Reiseplänen ohne Rollkoffer, slawischem und asiatischem Kurzgesang und Tanz querbeet weiter, bis am Schluss noch die Hersteller der Anzüge und Instrumente vorgestellt werden.
Von Schnee, Wasser, Luft und der Zukunft des Wintersports


