Zu Gast bei den Mozarts – und anderswo

Wenn Texte, Lieder und musikalische Begleitung zu einer wahrlich erfüllenden Ganzheit wachsen, hat das seine Gründe. Der Beginn lag gewiss in der Ankündigung der Einladung, die diesmal von der organisierenden Glarner Konzert- und Theatergesellschaft; genauer von Martin Zimmermann, dem Verantwortlichen des Konzertressorts, ausgegangen war und die so neugierig machte, dass viele den Weg in die Aula der Kanti Glarus wählten.



Der Schlussapplaus an Wolfram Berger
Der Schlussapplaus an Wolfram Berger

Sie alle kamen in den Genuss von absolut Hochstehendem, einem ungemein anregenden Mix aus Herzlichkeit, leicht Deftigem – wenn es aus der Feder des Wolfgang Amadeus stammte und sich in Briefform äusserte – beseeltem Rezitieren, einfühlendster Klavierbegleitung und variantenreichem, die Seelen erwärmenden Gesang. Martin Zimmermann war so etwas wie der «geistige Vater» dieses Programms. Er hatte die Briefe und passenden Kompositionen ausgewählt und für die meisterhaft Interpretierenden Spannendes mit viel Schalk, Derbem, Lieblichem und leidenschaftlich Erfülltem vorgegeben.

Zimmermann sprach in seiner Begrüssung spürbar kenntnisreich über mehr als 300 Briefe, die erhalten geblieben seien und Gefühle und Denken gar unmittelbar vermitteln. Viele Briefe sind an den Vater Leopold Mozart, einige auch an Nannerl und seine Cousine gerichtet. Darin hält er mit seinen Feststellungen über Liebesabenteuer, passende und unpassende Frauen, sich herablassend gebärdende aristokratische Gesellschaftsschicht, schlechte Bezahlung, Existenzielles und Bekanntschaften mit andern, selten Gleichgesinnten gar nicht zurück. Wolfram Berger, Schauspieler aus Graz und leidenschaftlich Schildernder, hauchte diesen Figuren und den Briefinhalten Lebensformen ein, die nachhaltig faszinierten, bei den Hinhörenden Genuss und Anteilnahme weckten. Aus seinem Rezitieren waren Spass und Genuss wohltuend spürbar. Die wechselvollen Leidenschaften der Brieftexte setzten sich in den Liedern und der exzellenten Klavierbegleitung nahtlos fort. Die in Schweden geborene Sopranistin Malin Hartelius sang ergreifend schön, mit viel theatralischem Flair. Sie setzte in gar kluger Art Akzente, flehte, schwärmte, versank in leichte Traurigkeit, pries die Schönheit, wurde zuweilen enorm dramatisch. Ihr gestalterischer Reichtum zeugte von enormer Reife. Und «aus dem Hintergrund heraus», begleitete der Pianist Gérard Wyss unüberhörbar schön, mit absolut perfektem Spiel, das die Reichhaltigkeit der Gefühlswelt aus Briefexten und Gesang mit umfassender Beherztheit und ergreifendem Einfühlungsvermögen widerspiegelte, Akzente vorgab und in stilvolle Eleganz mündeteArtikel. Und aus der Zuhörerschaft wurde zunehmend eine genüsslich mitvollziehende Grossfamilie, deren Mitglieder sich in der Stube der Vermieter, in irgendwelchen Zimmern oder Sälen in München. Wien, Mannheim, Salzburg, Paris oder anderswo gedanklich breit machten, um alsogleich den Wolfgangschen Ausführungen zu lauschen. Manchmal betraf das einfach Tagesabläufe, Schreibstunden, Instrumentalunterricht, dann wieder Völlerei, Ungerechtigkeit, herablassendes Getue der Obrigkeit – die halt auch Auftrag- und Geldgeber war – Konzerte, Kompositionen und deren Erfolge, Einladung zum Tanz, Ironie, Resignation oder schroffe, deutliche Ablehnung. Und je nach Textbotschaft fielen Liedgestaltung und musikalisches Begleiten aus. In diesem Überschwang an Gefühlen liess man sich noch so gerne mittreiben. Das Ende kam fast zu rasch. Herzlich und hoch verdient waren Beifall und Geschenke. Man liess Malin Hartelius, Wolfram Berger und Gérard Wyss nur ungern wegziehen, zu vergnüglich und wechselreich war diese Begegnung ausgefallen.