Zwei mal vier Jahreszeiten – Vivaldi und Piazzolla

Es war eine reizvolle, für die Interpretierenden enorm fordernde Aufgabe, derart verschiedenartige Kompositionen zu den vier Jahreszeiten aufzuführen. Die Ausgestaltungen waren bei der Cappella Gabetta, Andrés Gabetta, Violine und Leitung; und Mario Stefano Pietrodarchi, Bandoneon bestens aufgehoben. Was die Mitglieder des 2010 gegründeten Ensembles und der Bandoneonspieler Pietrodarchi anboten, kam einer Vermischung zahlloser Kostbarkeiten gleich. Die vielen Besucherinnen und Besucher des diesjährigen, seit 1944 zur geschätzten Tradition gewachsenen Regierungskonzerts, hatten ihr Kommen nie zu bereuen. Man wurde verwöhnt.




Das Programmkonzept weckte begreifliches Interesse. Antonio Vivaldis Jahreszeiten sind bekannt, es sind Perlen aus der Barockzeit. Es sind Bilder, die Leichtigkeit, Eleganz, Dramatik, zuweilen Bedrohliches, Freude, Anmut, Dahinträumen, Sehnsucht und Jubel in sich bergen. Es verschmilzt eine Vielzahl wechselvollster Elemente. Einiges war flüchtig Angetupftes, zuweilen beinahe rasant Dahineilendes, in anderem gewährte man sich Musse, um die Schönheit des Moments zu geniessen. Andrés Gabetta wusste sich von weiteren, hervorragenden Instrumentalisten umgeben, die ungemein brillant zu spielen wissen, die beeindruckendst aufeinander abgestimmt sind, mit einer Leichtigkeit auszudrücken vermögen, die mitreisst, Bewunderung und innere Anerkennung weckt. Alles fliesst so unglaublich munter einher, lieblich, voll versteckter Leidenschaft, hoher Präzision und einer Geschmeidigkeit, die einfach ergreifend schön ist. Andrés Gabetta setzt Akzente, fordert zum blitzschnellen Innehalten, dann wirbligem Weitereilen auf. Ihm wird gefolgt, seine Intentionen sind gut aufgenommen, kenntnisreich und formschön umgesetzt. Das sind herrliche Geschenke, die so gemacht werden.

Barockes von Vivaldi (1678 – 1741) eine – so der Programminhalt – die schillerndste Figur des damaligen europäischen Musiklebens, war als rothaariger, atemberaubend geigenspielender Priester erfolgreich. Von ihm sei eine dämonische Ausstrahlung ausgegangen. Die «Vier Jahreszeiten» gelten als bekanntestes der mehr als 300 Violinkonzerte. Der Inhalt ist auch nach Jahrhunderten gern gehört, genussreich und mit innerer Beseeltheit aufgenommen.

Und zu den vertrauten Harmonien kam argentinischer Tango. Astor Piazzolla (1921 – 1992) befasste sich ebenfalls mit den vier Jahreszeiten; weit später als Vivaldi, von der europäischen Barockwelt weit entfernt, aber nicht minder leidenschaftlich, farbig, kreativ, vielleicht das eine oder andere umgesetzt, was weltweit barocker «Standard» sein könnte.

Es werden ähnliche Gefühle wach, Wirbliges, Frohmut, Tanz, Kurzweil, Einherhüpfendes, Keckes, Verspieltes kommen zum Tragen. Mario Stefano Pietrodarchi, ein wahrer Meister des argentinischen Akkordeons stammt aus den italienischen Abruzzen. Sein Auftritt ist mit grosser Theatralik, sicht- und erspürbarer Leidenschaft verbunden. In ihm scheint eine Kraft zu weilen, die ihn zu dieser Verschmelzung von Mimik, körperlichem Mitschwingen und weit ausholender Gestik treibt, die Teil seines meisterhaft virtuosen Ausdrückens ist. Es klingen wieder Sequenzen auf, die so bildhaft stark sind, einen in anfänglich fremd aufklingende Kultur hinführen und sehr rasch zum genussvollen Verweilen einladen. Es kommt so willkommen wirblig, beseelt, kraftvoll, dann wieder verträumt, suchend einher. Zwei Kulturen verschmelzen, haben Gleiches – die vier Jahreszeiten – zum Inhalt. Es sind andere Rhythmen, irgendwie wildere Melodien und dennoch formschön, stark. Pietrodarchi gestaltete so elegant, mitreissendArtikel wechselvoll aus. Die Mitglieder der Cappella Gabetta fühlten sich mühelos, hochkonzentriert, mit riesigem Geschick ein. Dieses Interpretieren wuchs zu einer Ganzheit, die Begeisterung und hohe Anteilnahme weckte.

Langer, starker Beifall zeugte von der Begeisterung, war Dank für sehr hervorragendes Interpretieren des attraktiv Wechselvollen, führte zu zwei kurzweiligen Zugaben in der Aula Glarus.