Peter Bichsel las im «Richisau»

Den Literatursommer im «Richisau» – zum vierten Mal angeboten – eröffnete Peter Bichsel. Auf Einladung der Verantwortlichen der Stadtglarner Buchhandlung Baeschlin kam es zwischen den erfreulich zahlreichen Gästen und dem ersten literarischen Gast zu einem Begegnen, das eine faszinierende Fülle von Herzlichkeit, Beschaulichem, Vergnüglichem, nachdenklich Stimmendem, Besinnlichem und erfrischend Munterem zum Inhalt hatte.

Gaby Ferndriger, Geschäftsführerin der Buchhandlung, begrüsste alle gleichermassen herzlich. Mit ihr freuten sich viele, dass Peter Bichsel, 1935 in Luzern geboren, heute im Solothurnischen lebend, für einen Auftritt zugesagt hatte.




Es hab ein gewisses telefonisches Hin und Her gegeben, bis alles geklappt habe. Peter Bichsel präsentierte in der Folge eine markante Vielfalt seiner Dichtkunst, lebenswürdig, blumig, farbenreich – eine spannende Vermischung von Begegnungen, mannigfaltigen Gedanken, Folgerungen, Unerwartetem, Logischem. Bichsel ist ein kenntnisreich Unterhaltender. Er nimmt sein Publikum auf kurze Reisen bereitwillig mit. Er ist ein scharfsinnig, gleichzeitig subtil Betrachtender, ein Genussmensch, ein Meister des kurzen, einprägsamen Schilderns; einer der nicht in Seichtem, Oberflächlichem und Lapidarem hängen bleibt oder bewährte Maschen ausspielt. Das macht die Kunst aus.

Geschwärmt wird in einer von vielen, willkommen wechselreichen Episoden von ganz langen Bahnfahrten, von Reisen, die nach Wladiwostock führen – an einen Ort, in dem eine kleine Buchhandlung eröffnet werden soll. Gute Bücher, so der Organisator der Lesung, seien am Rand der Welt besser als gute Wohnungen. Man erfährt, wie abwechslungsreich Umsteigen ist, wie sich beim Betreten anderer Abteile in anderen Zügen neue Düfte ausbreiten, dass auch Anderssprachige Deutsch verstehen, sich am Wohlklang und Fluss der Wörter zu erfreuen wissen und ihrer Freude gar spontan Ausdruck geben.

Einiges berührt bis tief hinein. Wie der kleine Bub mit dem riesigen Muni umgeht, sich vor ihm masslos fürchtet und wie trotzdem eine bewegende Beziehung auf Zeit wächst, wie der rechtmässige Besitzer sich an den kleinen Buben wendet und um Hilfe bittet, weil der Muni offensichtlich spinnt. Und in solchen Momenten wird Bichsel sehr politisch, sinniert über Macht, Machthungrige. Die Macht lebt von der Angst, es ist unverständlich, dass es viele Menschen gibt, die Macht anhäufen in und mit ihr leben. Weiterführend würde wohl vieles in die Neuzeit mit Bedrohlichem, Unverständlichem führen.

Wie sich Bichsel mit dem beinahe echten Meerhafen in Bern auseinandersetzt, Geschichten zu spinnen beginnt, die voller Charme, Sehnen, Träumen und Hoffnungen sind, ist hohe Kunst. Da spielen kubanische Zigaretten, die Begegnung mit der sehr jugendlichen Kioskbedienung, die Begegnung mit dem Amerikaner, der lange als Seemann unterwegs war, und das Leben der Kellnerin Jane in einer Hafenspelunke zentrale Rollen. Das ist so kitschig schön, charmant, so logisch.

Man wird in einer anderen Sequenz mit der Bedeutung kleiner, vielleicht leicht schmuddeliger Kinos vertraut gemacht, mit Räumen für Randständige, mit grottenschlechten Filmen, die man sich doch immer wieder ansieht. Die Rede ist vom Kino Olymp in Berlin.

Der sterbende Advokat ist eine Avocado, die rumgeschubst und von zerstörerischer Kälte bewahrt wird, ins Halt- und Orientierungslose abgleitet. Es wird nachvollziehbare Anteilnahme vorgelebt.

Und ob es dem kleinen, dicken, nicht eben sportlichen Mann gelingen wird, einen echten Roman zu verfassen, ist eher fraglich. Weiter erfährt man, dass der Südwestdeutsche Rundfunk in Locarno Lesungen anbot, dem jeweiligen Verfasser kleine Vorgaben machte. Das betraf beispielsweise die Begriffe «Ticino» und «Grappa», die unbedingt vorkommen mussten. Ein Schwenk – und schon ist man bei den vier Landessprachen, die – man staunt – nicht bloss bei uns Kultur- und Kommunikationsbasis sind. Der Fall sei das auch in Wales, Spanien und anderswo. Und nach einer gehörigen Portion Merlot kann man sich problemfrei in allen der vier Sprachen verständigen. Dass Satzmelodien anders als gewohnt fliessen, ist verständlich. Bichsel spinnt das wundervoll aus.

Es gab wenige Fragen aus dem Publikum. Beispielsweise jene nach Autobiografischem, das in Bichsels Erzählungen einfliesse oder die Form des Überrascht-Seins nach dem Verfassen eigener Kurzerzählungen oder der Entstehung von Geschichten. Bichsel sagt, dass unter anderem, dass das Werden einer Erzählung mit der Entstehung eines Bildes durchaus vergleichbar sei.

Man freute sich, dass man am Büchertisch aus Bichsels grossem Schaffen, das eine oder andere auswählen konnte. Man spürte Vorfreude auf weitere Begegnungen: Bänz Friedli, Margrit Schreiber und Dan Wiener werden weitere Gäste im Richisau sein.